Der Vater aller Dinge

Am Beginn eines neuen Jahrtausends über den Krieg nachzudenken, heißt, sich einem Paradoxon zu stellen. Spätestens seit dem 1. Weltkrieg gilt der Krieg als eine Geißel der Menschheit, als Inbegriff des Inhumanen, als ein Übel, zu dessen Beseitigung keine Anstrengungen gescheut werden sollten. Und trotzdem sehen Menschen auch am Ende des gewalttätigen 20. Jahrhunderts in Krieg und bewaffnetem Kampf noch immer probate Mittel zur Lösung politischer oder sozialer Probleme, kommt es im Zuge von kriegerischen Handlungen nach wie vor zu unvorstellbaren Grausamkeiten und Gräueln.
Nur mit der moralischen Verurteilung lässt sich der Krieg offensichtlich nicht begreifen. Zwar wird die antike Weisheit, dass der Kampf der Vater aller Dinge sei, kaum mehr bejaht, durchaus gilt aber, dass es ohne Kriege und Kriegsvorbereitungen, ohne Wettrüsten und Rüstungsindustrie eine Reihe technischer und auch sozialer Innovationen nicht gegeben hätte, und zumindest als ultima ratio der Friedenssicherung wird der Krieg auch politisch und moralisch wieder akzeptiert. Als Metapher ist der Krieg ohnehin allgegenwärtig: von der Wirtschaft bis zum Sport.
Das „Philosophicum Lech“ möchte sich diesem widerspruchvollen Phänomen „Krieg“ stellen und einige seiner Facetten auf dem Stand der Zeit und vor dem Hintergrund der jüngsten europäischen Kriege am Balkan herausarbeiten und diskutieren. Die Rolle des Krieges als Mittel der Politik wird dabei ebenso thematisiert werden wie die Frage nach der Verantwortung und moralischen Legitimation, die Zusammenhänge von Krieg, Religion und Kultur werden genauso zur Sprache kommen wie die von Krieg und Medien, und nicht zuletzt wird sich die Tagung mit der unangenehmen Einsicht befassen müssen, dass der Krieg nach wie vor zumindest ein Wegbereiter für Innovationen ist. Das „Philosophicum Lech“ will damit auch in diesem Jahr einen Beitrag zur Selbstreflexion des Menschen in einem Zeitalter der Umbrüche, Beschleunigungen und Unsicherheiten leisten.
Seit seiner Gründung im Jahre 1997 hat sich das „Philosophicum Lech“ als eine bedeutende und hochrangige kulturwissenschaftliche Veranstaltung etabliert. Lech am Arlberg ist ein idealer Ort für philosophische Gespräche und Reflexionen. Die Freiheit der hochalpinen Landschaft und eine hochwertige Infrastruktur erlauben intensivere Formen der Kommunikation und Diskussion, als dies anderswo möglich wäre und geben dem „Philosophicum Lech“ seinen unverwechselbaren Charakter.

Konrad Paul Liessmann