Ruhm, Tod, Unsterblichkeit


Es gibt wohl kaum eine Erfahrung, die Menschen in ihrer Existenz so sehr berührt wie die Erfahrung der Endlichkeit. Der Mensch ist das einzige Tier, das weiß, daß es sterben muß. Und es gehört wohl ebenso zu den Grunderfahrungen des Menschen, daß er diese Endlichkeit eigentlich nicht akzeptieren will. Die von fast allen Religionen angebotenen Unsterblichkeits- oder Wiedergeburtsperspektiven künden ebenso davon wie die Bemühungen der Metaphysik, die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Letztlich können alle Anstrengungen der Menschen, etwas zu machen, was ihr eigenes Leben überdauert, von der Nachkommenschaft bis zu den "unsterblichen" Werken der Kunst, als Versuche gedeutet werden, die eigene Begrenztheit und Endlichkeit zu überschreiten. Und die Sehnsucht nach Ruhm war und ist eines der stärksten Indizien für das Bestreben der Menschen, ein Stückchen Unsterblichkeit zu erhaschen.

Unter den Bedingungen der modernen Welt haben sich diese Strategien, der eigenen Zufälligkeit und Endlichkeit zu trotzen, zweifellos gewandelt. Der religiöse Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode hat seine Kraft verloren, die Versuche, eine unsterbliche Seele zu "beweisen", sind mißlungen. Aber die Sehnsucht nach dem Ruhm ist geblieben, vielleicht sogar stärker geworden. Die modernen Medien machen es nach einem Wort von Andy Warhol möglich, daß jeder für wenige Minuten berühmt sein kann. Ein kurzer Ruhm ist wie das Haschen nach einem Stückchen Bedeutsamkeit angesichts der ernüchternden Kontingenz und Beliebigkeit des Daseins. Und auch wenn es ein nur selten eingestandenes Motiv ist: was Künstler, Wissenschaftler, aber auch Sportler oder Politiker zu oft übermenschlichen Anstrengungen treibt, ist wohl nicht selten auch diese uralte Sehnsucht nach Ruhm. Wenn man der unerbittlichen Zeit schon nicht Herr werden kann, möchte man ihr vielleicht wenigstens für kurze Zeit seinen Stempel aufprägen.

Aber nur im flüchtigen Gedächtnis anderer nachzuleben, war und ist den Menschen zuwenig. Nur weniges fasziniert deshalb so sehr, wie die Möglichkeit, durch den medizinischen Fortschritt das eigene Leben immer weiter zu verlängern – und vor allem die Versprechungen der modernen Biowissenschaften sind offenkundig an diesen Wunsch adressiert. Immer mehr Technologien werden entwickelt, um den Alterungsprozeß aufzuhalten, vielleicht sogar umzukehren und so wenigstens die Traum von einer lange andauernden Jugend zu verwirklichen. Und nach wie vor ist der Wunsch virulent, dem Tod überhaupt ein Schnippchen schlagen zu können: Von den Versuchen, sich nach dem Ableben einfrieren zu lassen, um später einmal zum Leben wiedererweckt zu werden bis zu den abstrusen Hoffnungen, sich durch einen Klon von der Endlichkeit zu befreien oder wenigstens sein Bewußtsein auf eine unzerstörbare Festplatte zu transferieren, reichen gegenwärtig die damit verbundenen Phantasien.

Das 7. Philosophicum Lech möchte durch Philosophen, Theologen, Kultur- und Naturwissenschaftlern erkunden, wie Menschen mit dem Problem ihrer Endlichkeit bisher umgegangen sind, was sich im technischen Zeitalter dabei geändert hat und was dies für unser Leben, unser Zusammenleben und unsere Zukunft bedeutet.

Univ. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann
Wissenschaftlicher Leiter "Philosophicum Lech"