Prof. Dr. Thomas Macho



Zur Person
Geboren am 10. Jänner 1936 in Hamburg.

Studium der Psychologie, Anglistik und Japanologie in Hamburg und Zürich. Psychologische Lehranalyse und Studium am C.G.Jung Institut Zürich.

Ab 1967 zweijährige psychologische Tätigkeit in Hamburger Gemeinschaftspraxis. Anschließend Beginn der Tätigkeit als freier Autor, Übersetzer und Journalist in Hamburg und Zürich. Erzählungen, Hörspiele, Gedichte, Journalistische Mitarbeit bei Spiegel, Zeit, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Tagesanzeiger Zürich u.a.

Seit 1971 ständiger freier Mitarbeiter beim NDR Fernsehen und Hörfunk. Dokumentationen zu psychologischen Themen (z.B.: 3-teilige Serie “Geschichte der Psychiatrieł, 3-teilige Serie zu psychotherapeutischen Behandlungsmethoden) und zu allgemeinen kulturellen Themen. Freie Mitarbeit auch bei Radio Bremen, beim Westdeutschen und beim Bayerischen Rundfunk.

Wichtige Publikationen (Auswahl):
Todesmetaphern. Zur Logik der Grenzerfahrung. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1987 (2. Auflage 1990).

Menschen - Tiere - Maschinen. Zur Kritik der Anthropologie. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2003 (in Vorbereitung).

Weihnachten. Kindsmord und Zeitenwende. München: Wilhelm Fink 2004 (in Vorbereitung).

Hrsg. (gem. mit Peter Sloterdijk): Weltrevolution der Seele. Ein Arbeits- und Lesebuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart. Zürich/München: Artemis & Winkler 1991 (2. Auflage 1993).

Hrsg.: Jean-Paul Sartre. München: Diederichs 1995 (München: dtv 1998).

Hrsg.: Ludwig Wittgenstein. München: Diederichs 1996 (München: dtv 2001).

Hrsg. (gem. mit Richard Faber und Eveline Goodman-Thau): Abendländische Eschatologie. Ad Jacob Taubes. Würzburg: Königshausen + Neumann 2001.

Hrsg. (gem. mit Friedrich Kittler und Sigrid Weigel): Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme. Berlin: Akademie-Verlag 2002.

Hrsg. (gem. mit Brigitte Felderer): Höflichkeit. Aktualität und Genese von Umgangsformen. München: Wilhelm Fink 2002.

Hrsg. (gem. mit Petra Lutz, Gisela Staupe und Heike Zirden): Der [im]perfekte Mensch. Metamorphosen von Normalität und Abweichung. Wien/Köln/Weimar: Hermann Böhlau 2003 (in Vorbereitung).

Hrsg. (gem. mit Annette Wunschel): Science & Fiction. Über Gedankenexperimente in Wissenschaft, Philosophie und Literatur. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch 2004 (in Vorbereitung).

Thesen zum Vortrag
Prof. Dr. Thomas Macho

Technische Utopien und Katastrophenängste

1.
Vielleicht lassen sich verschiedene Epochen auch durch ihre spezifischen Utopien charakterisieren. So scheinen die religiösen Utopien zum Mittelalter zu gehören, die Staats- und Sozialutopien zum 16. und 17. Jahrhundert, die Erziehungsutopien zur Aufklärung. Spätestens im 19. Jahrhundert setzten sich technische Utopien durch, die auch gegenwärtig dominieren. Diese aktuelle Dominanz entsprang zunächst wohl der Faszination von Science Fiction und der Beschleunigung technologischer Umwälzungen, danach jedoch dem Bedeutungsverlust konkurrierender Gestalten des Utopischen. An einer »Erziehbarkeit des Menschengeschlechts« wurde schon während der Weltkriege entschieden gezweifelt; dreißig Jahre nach Ernst Blochs Prinzip Hoffnung (von 1959) haben aber auch die Staats- und Sozialutopien ihren ehemaligen Glanz eingebüßt. Seit 1989 wirken alle säkularen Prophezeiungen eines »Himmelreichs auf Erden« seltsam unglaubwürdig, ausgenommen einzig jene Zukunftsvisionen, die einen wissenschaftlichen Sieg über Ressourcenknappheit, Hunger, Kälte, Krieg, Krankheit, Schmerz, Alter oder Tod zu versprechen scheinen. Hat mit dem 21. Jahrhundert tatsächlich die große Epoche der Titanen, eines beispiellosen »Gestaltwandels« der Götter begonnen, wie Ernst Jünger gegen Ende seines Lebens (und zugleich ganz auf der Linie seines Essays über den Arbeiter von 1932) prophezeite?

Zum Jahresanfang 1995 erschien ein Sonderheft der Zeitschrift GEO, in dem das 21. Jahrhundert - in neun Schritten - porträtiert wurde. Illustriert mit bunten Bildern verhießen die Überschriften: »2010: Dr. Robot führt das Skalpell«, »2020: Die Wüste wird zum Blumenmeer«, »2030: Lavaströme befeuern Kraftwerke«, »2040: Claudia läßt die Klone tanzen«, »2050: Nomaden wandern im Datennetz«, »2060: Frankfurt grüßt als Öko-Hauptstadt«, »2070: Meeresfarmer mästen Thunfische«, »2080: Gentechniker züchten Giga-Weizen« und »2090: Mondmenschen bauen Erze ab«.1 Jede Prophezeiung schien auf spezifische Ängste zu antworten: die Angst vor Krankheit und Operation, die Angst vor einer Klimakatastrophe und der drohenden Ausbreitung von Wüstengebieten, die Angst vor Vulkanausbrüchen und Energiekrisen, vor Identitätslosigkeit und gentechnischer Manipulation, die Angst vor Heimatverlust und erzwungener Mobilität, vor einer steigenden Verelendung der Metropolen, vor Hungersnöten und vor dem Verschleiß der letzten Ressourcen. Sämtliche Utopien replizierten also auf Befürchtungen; die leuchtenden Farben der Zukunft wurden gleichsam dunkel grundiert. Den technischen Utopien sekundierte insgeheim die Angst vor einem apokalyptischen Epochenbruch, vor dem drohenden Untergang nicht nur des Abendlandes. Ob allein der subjektiven Phantasie eines Graphikers im Econ-Verlag zugeschrieben werden soll, daß Jacques Attalis Buch über die Lignes d'horizon von 1990 - auf deutsch unter dem Titel Millenium - just mit Dürers Stichen zur Geheimen Offenbarung des Johannes illustriert wurde?

Daß Utopien mit Ängsten zusammenhängen können, ist freilich von vornherein evident. Wer nicht wenigstens gelegentlich am guten Ausgang einer Sache zweifelt, braucht keine Zukunftsvisionen - gleichgültig, ob es sich um einen Orakelspruch, eine astrologische Expertise, einen Science Fiction-Roman oder eine aktuelle Trendanalyse handelt. Ohne Anlässe für Furcht und Sorge würde sich das Interesse an der Zukunft erübrigen; wer halbwegs überzeugt wäre, daß er ein langes Leben in Glück, Reichtum und Weisheit führen wird, braucht keine Utopien und engagiert gewiß keine Wahrsager. Im Fall der technischen Utopien geht es freilich um einen spezifischen Mehrwert der Ängste, der gerade mit dem Erfolg und mit dem Gelingen der Zukunftsprojekte assoziiert wird. Die computergesteuerte Roboter-Operation in der Medizin antwortet nicht nur auf die Angst vor Krankheiten oder Skalpellen, sie produziert auch ihr eigenes Horror-Szenario (beispielsweise von der Maschine, die spontan ihre eigenen Interessen verfolgt); der Lavastrom im Kraftwerk respondiert nicht nur auf die Angst vor Energiekrisen, er generiert auch das Bild vom Vulkanausbruch, von der Mega-Zeitbombe vor unserer Haustür. Die Vorstellung der gentechnischen Klonierung eines Lebewesens (von Dolly bis zu Claudia Schiffer) verbindet sich geradezu zwangsläufig mit der Angst vor Doppelgängern und künstlich erzeugten Monstren,2 die ihre Schöpfer - Frankenstein, Doktor Moreau oder John Hammond (in Michael Crichtons Jurassic Park) - mehr oder weniger buchstäblich vernichten.

2.
Die technische Utopie bildet also eine seltsame Allianz mit der Angst vor einer Katastrophe, die gerade durch die Verwirklichung der Utopie heraufbeschworen werden könnte. Beispiele für diese merkwürdige Verbindung lassen sich mühelos aufzählen. Schon im 19. Jahrhundert wurde die Einführung der Eisenbahn von Befürchtungen begleitet, Menschen könnten die - vergleichsweise harmlose - Geschwindigkeit organisch nicht überleben; heute noch kursieren Geschichten, wonach an den Zielbahnhöfen des japanischen Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen gelegentlich Tote aus den Abteilen geborgen werden, die dem Tempo erlegen sind. Seit der Erfindung des Automobils verbreiten sich - ebenfalls bis heute - Erzählungen von spektakulären Unfällen; und der noch im 19. Jahrhundert unbekannte Begriff des Unfalls reüssiert inzwischen geradezu als die logische Kehrseite jeder Zukunftsvision von Reise und Verkehr. Davon handeln zahlreiche Filme oder Romane: sie verlängern gleichsam den Mythos vom Untergang der - für unsinkbar gehaltenen - Titanic in eine düstere Zukunft, in der Raumschiffe explodieren und Unterseeboote von computergesteuerten Riesenkraken angegriffen werden.

Die Frage nach künftigen Energiereserven und Versorgungssystemen konnotiert ebenfalls zahlreiche Katastrophenängste. Ernst Bloch schwärmte noch von der Atomkraft: »Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der der Bombe, in der blauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium wären ausreichend, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln. Sie würden ausreichen, um der Menschheit die Energie, die sonst in Millionen von Arbeitsstunden gewonnen werden mußte, in schmalen Büchsen, höchstkonzentriert, zum Gebrauch fertig darzubieten.«3 Solche Sätze wirken heute nahezu lächerlich; sie werden allein durch die Nennung von Ortsnamen wie Harrisburg oder Tschernobyl widerlegt. Die technische Utopie produziert wie von selbst ihre negative Inversion. Dem Traum von der »Wüste als Blumenmeer« korrespondiert exakt der Alp von der atomaren Verödung ehemals blühender Pazifik-Inseln wie Bikini oder Enewetak;4 die positive Utopie einer Riviera an den Polen wird konterkariert durch die Schreckensvisionen verstrahlter, entvölkerter Landschaften, verseuchter Nahrungsmittel, mißgebildeter oder krebskranker Kinder.

Auch neuere technische Utopien produzieren - dem Anschein nach fast automatisch - ihre negativen Gegenbilder: als müßte selbst die unauffälligste Utopie durch ein Katastrophenszenario ausbalanciert werden. Kein Himmelreich ohne Weltuntergang. Die Computer- und Internet-Euphorie wird durch die paranoische Angst vor möglicher Kontrolle und geheimen Überwachungsmaßnahmen ausgeglichen; die Begeisterung für Genforschung findet ihr apokalyptisches Äquivalent in den Phantasien über Menschenexperimente, eugenische Züchtungsprogramme und monströse Kreaturen, die ihre Erzeuger ermorden. Das utopische Projekt der »zweiten Schöpfung« wird - ganz klassisch - als Hybris relativiert: als versuchte Wiedererrichtung des babylonischen Turms, als Aufstand der Titanen gegen den Olymp, als Luzifers Revolte gegen Gott. Je häufiger der Sieg über die alten Geißeln der Menschheit proklamiert wird, desto plausibler erscheint die Befürchtung, dieser Triumph werde sich zuletzt als die schlimmste Geißel überhaupt herausstellen. So hat beispielsweise der Molekulargenetiker Lee J. Silver eine künftige Aufspaltung der Menschheit in biologisch diversifizierte, untereinander nicht mehr reproduktionsfähige Klassen prophezeit.5

3.
Das Bündnis zwischen den technischen Utopien und jenen spezifischen Katastrophenängsten, die rekursiv auf die mögliche Verwirklichung dieser Utopien bezogen sind, ist offenbar beständig und stabil. Unklar bleiben jedoch die möglichen Gründe für die Nachhaltigkeit solcher Verbindungen. Hegen wir ein altes Mißtrauen gegen die Verläßlichkeit menschlicher Konstruktionen und Erfindungen? Hat sich die alltägliche Erfahrung, daß Maschinen oder andere technische Environments - Autos, Computer, Elektrizität - ebensogut funktionieren wie nicht funktionieren können, tiefer eingeprägt als uns gewöhnlich bewußt ist? Oder wirkt die bereits erwähnte Angst vor bestrafter Hybris, die in den Religionen und Mythen immer wieder ausgedrückt wurde, auch in unseren weitgehend säkularisierten Kontexten?

Das Wort Utopie kommt bekanntlich aus dem Griechischen; es bezeichnete ursprünglich den Nicht-Ort, ou-topos. Nicht zufällig wurden seit der Utopia von Thomas Morus (1516) die Darstellungen einer idealen Gesellschafts- oder Staatsform auf Inseln angesiedelt, anderswo, irgendwo. Da der Ort nicht bestimmt werden mußte, war es nicht notwendig, die Reiseroute anzugeben, auf der er erreicht werden konnte. Die ersten Utopien waren keine Zukunftsprojektionen. Ihr Ort mußte weder im Raum noch in der Zeit fixiert werden; unbekannt blieben die Etappen, die zum Zweck einer Verwirklichung der Utopie durchwandert werden sollten. Das Utopische figurierte von vornherein als das Andere, Fremde, das nicht einfach durch eine Revolution etabliert werden konnte - als ein Spiegel vielleicht, der nicht zum Handeln, sondern bloß zur Reflexion einladen sollte. Diese elementare Qualität der Utopie läßt sich noch in den großen geschichtsphilosophischen Entwürfen - von Herder bis Bloch - nachweisen; wohlweislich wurde zwar die Erreichung eines universalhistorischen Ziels konstruiert, aber ohne die Strategien zu diskutieren, mit deren Hilfe dieses Ziel schlußendlich realisiert werden könnte. Selbst Karl Marx vermied es, den heiklen Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus im Detail zu charakterisieren; wie die Gesellschaftsform politisch erkämpft und organisiert werden müßte, in der jeder »nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen« arbeitet und lebt, läßt sich seinen Schriften nicht entnehmen. Anders gesagt: die Utopie ist auch darin Utopie, daß sie nicht machbar ist, sondern restlos kontingent. Eher scheint sie sich einem Ereignis - wie dem unwägbaren Erscheinen des Messias in der Geschichtsphilosophie Walter Benjamins - verdanken zu können, als einem konkreten Plan.

In solcher Hinsicht ist das utopische Moment in den technischen Zukunftsvisionen stets ambivalent - und vielleicht sogar gebrochen. Denn zur Wissenschaft und Technik gehört, jenseits aller Fehlprognosen der Futurologen und Science Fiction-Autoren - die Phantasie der Machbarkeit, der Umsetzbarkeit, der strategischen Planbarkeit und Konstruierbarkeit. Eine technische Utopie, die ihre Ortsangabe in Raum und Zeit verweigert, bleibt zwar utopisch, verrät aber ihren technischen Sinn. Sie erscheint allzu rasch als bloßes Phantasma, als ein wertloses Gedankenexperiment ohne Realitätsbezug. Wer von Kernfusionsreaktoren oder Quantencomputern - womöglich ganz aufrichtig - sagen würde, er habe keine Ahnung, ob und wann diese Maschinen jemals funktionieren werden, macht sich nicht nur lächerlich, sondern verspielt obendrein seine Chancen auf Forschungsförderung. Darum müssen die technischen Utopien stets mit dem Pathos ihrer prinzipiellen Machbarkeit vorgetragen werden, auch auf die Gefahr hin, daß der utopische Kern des jeweiligen Projekts preisgegeben wird. Der Endsieg der Titanen muß einfach proklamiert werden; aber das Vertrauen in solche Proklamationen bleibt fragil. Es ist gar nicht nötig, die rhetorische Figur von der »Wiederkehr des Verdrängten« zu bemühen, um zu verstehen, daß die rekursiven Katastrophenängste, die sich mit den technischen Zukunftsvisionen assoziieren, deren utopische Pointe zu retten versuchen. Die Beschwörung der Katastrophen erinnert daran, daß nicht alles machbar ist. Sie hält an der Kontingenz des utopischen Denkens fest, freilich bloß in negativer Gestalt. Auf paradoxe Weise sekundieren die Katastrophenängste der Möglichkeit, auch in einem wissenschaftlich-technischen Zeitalter, in einer Epoche der Titanen, an die Offenheit der Zukunft zu glauben.


Anmerkungen

1. Das 21. Jahrhundert. Faszination Zukunft. GEO-Extra Heft 1/1995. Hamburg: Gruner & Jahr 1995. Seite 6-25.
2. Vgl. Thomas Macho: Die jüngsten Doppelgänger. Über die kulturelle Faszination der Gentechnologie. In: Neue Zürcher Zeitung Nr. 284 vom 5. Dezember 2000. Zürich 2000. Seite 33.
3. Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1959. Seite 775.
4. Vgl. Fritz W. Kramer: Bikini. Atomares Testgebiet im Pazifik. Berlin: Wagenbach 2000.
5. Vgl. Lee J. Silver: Das geklonte Paradies. Künstliche Zeugung und Lebensdesign im neuen Jahr-tausend. Übersetzt von Henning Thies und Susanne Kuhlmann-Krieg. München: Droemer 1998.