Prof. Dr. Ulrike Felt

Zur Person
Geboren 1957, Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien. Nach Abschluss ihres Doktorates in theoretischer Physik arbeitet sie seit 1983 im Bereich der Wissenschaftsgeschichte und dann der Wissenschaftsforschung. Vor ihrer Position in Wien verbrachte sie einen 5-jährigen Forschungsaufenthalt am Europäischen Kernforschungszentrum in Genf (CERN). In den 90er Jahren war sie Gastprofessorin an verschiedenen ausländischen Universitäten/Forschungseinrichtungen, so etwa mehrfach an der Université Louis Pasteur (Strasbourg), an der Université du Québec à Montréal, am Maison des Sciences de l'Homme in Paris und an der ETH Zürich. Schwerpunkte der Forschung liegen auf Fragen der Beziehung von Wissenschaft und Öffentlichkeit (mit einem derzeitigen Schwerpunkt auf biomedizinische Entwicklungen) sowie Wissenschafts- und Technologiepolitik (derzeit Schwerpunkt im Bereich universitärer Wandlungsprozesse). In diesen Bereichen hat sie zahlreiche nationale und internationale Projekte geleitet, ist Mitglied in Beratungsgremien auf EU Ebene und hat umfangreich publiziert. Seit 2002 ist sie Herausgeberin der internationalen Zeitschrift Science, Technology and Human Values.

Wichtige Publikationen (Auswahl):
History of CERN, vol I+II (gem. mit A. Hermann, J. Krige, D. Pestre), 1987/1990
Science Meets the Public - A New Look at an Old Problem (Hg., gem. mit H. Nowotny), 1993
Wissenschaftsforschung - Eine Einführung (gem. mit H. Nowotny, K. Taschwer), 1995
After the Breakthrough - The Emergence of High-temperature Superconductivity as a Research Field (gem. mit H. Nowotny), 1997




Nichts als die Wahrheit...? Betrug und Fälschungen in der Wissenschaft

Betrugsfälle in der Wissenschaft scheinen derzeit in der öffentlichen Diskussion präsenter denn je. Be-obachten wir hier ein qualitativ neues Phänomen, wobei wir vielleicht nur die Spitze eines Eisbergs sehen, handelt es sich um „punktuelle Korruptionen” des Wissenschaftssystems durch eine immer enger werdende Verflechtung mit anderen gesellschaftlichen Systemen (wie etwa der Wirtschaft) oder erhalten wir nicht viel-mehr über diese Normverletzungen einen Einblick in den vielschichtigen qualitativen Wandel der wissen-schaftlichen Erkenntnisproduktion?
In meinem Beitrag wird Betrug in der Wissenschaft bzw. wissenschaftliches Fehlverhalten entlang von fünf Reflexionsperspektiven untersucht. Dadurch soll ein Einblick in die unterschiedlichen Facetten des gegen-wärtigen Wissenschaftssystems und seinem Wandel gegeben werden.

Grenzziehungen: Wie, wo und durch wen werden Grenzen festgelegt zwischen dem was als „akzeptable“ wissenschaftliche Praxis gesehen wird und was nicht mehr?
These: Wissenschaftliche Praxis folgt nicht feststehenden abstrakten Kriterien, sondern ist immer Ergebnis eines komplexen Prozesses von Aushandlungen zwischen Mitgliedern der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Zum Großteil sind diese so entstehenden jeweiligen Handlungsnormen nur implizit festgehalten. „Massenproduktion“ sowohl von wissenschaftlichem Nachwuchs als auch von Daten stellt daher eine völlig neue Herausforderung für die Festlegung und die Weitergabe dieser Normen dar.

Vermeidungsstrategien: Wie und warum wird möglichst vermieden öffentlich über die Grenzen der „erlaubten“ Erkenntnisproduktion in der Wissenschaft zu sprechen?
These: Öffentliche Auseinandersetzungen (auch innerhalb der Institutionen) mit Fehlentwicklungen im Wissenschaftssystem werden als bedrohlich wahrgenommen, weil sie eingeübte Rituale, implizite Ordnungen und damit immer auch die eigene Position als WissenschaftlerIn oder als wissenschaftliche Institution in Frage stellen.

Säuberungsrituale: Welche Strategien kommen zur Anwendung um das Erkenntnisprivileg von Wissenschaft aufrechtzuerhalten?
These: Betrug wird möglichst weit gehend auf die Ebene des individuellen Fehlverhaltens reduziert um auf diese Weise die Problematik der Entwicklungen im Wissenschaftssystem und seiner Grenzen nicht stellen zu müssen.

Strukturwandel: Welche Veränderungen des Wissenschaftssystems – auf institutioneller aber auch auf individueller Ebene – treten in den meisten Betrugsfällen zu Tage?
These: Die Veränderungen im Wissenschaftssystem lassen sich an einem Verlust der Differenzierung institutioneller Aufgaben zwischen verschiedenen Wissen produzierenden Institutionen festmachen, ebenso wie an einer Erweiterung der Akteure, die eine „Recht“ auf Mitsprache in wissenschaftlichen Agenden anmelden und einem Wandel in den sozialen Strukturen (Karrieremuster, Wettbewerb, Schutz des geistigen Eigentums, etc.). Dadurch erhält auch die Frage nach der Grenze wissenschaftlichen Handelns neue Dimensionen.

Gegenstrategien: Welche Antworten scheinen derzeit im Wissenschaftssystem als adäquat um mit wissenschaftlichem Betrug umzugehen und welche Konsequenzen hat dies für die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis?
These: Betrug in der Wissenschaft wird versucht durch die Schaffung expliziter Regelwerke und „wissenschaftlicher Gerichtshöfe“ (z.B.: The Danish Committee on Scientific Dishonesty, Office of Research Integrity, US) in den Griff zu bekommen. Dabei wird aber die notwendige Diskussion um die tatsächlichen Bedingungen der Erkenntnisproduktion weit gehend vernachlässigt.