PD Dr. Marie-Luise Raters



Zur Person

Dozentin für Ethik /LER an der Universtität Potsdam.

Erstes Staatsexamen Lehramt Sek. II. Philosophie, Pädagogik an der Universität Hamburg (Zusatzfach Germanistik); Musik mit Hauptfach Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hamburg (Zusatzfach Chanson). Dissertation an der Universität Hamburg zum Thema „Intensität und Widerstand. Deweys Art as Experience als philosophisches System, als politischer Appell und als Theorie der Kunst“. Habilitation an der Universität Magdeburg zum Thema „Kunst, Wahrheit und Gefühl. Die Gefühlsästhetik des angelsächsischen Idealismus“. Wissenschaftliche Lehrtätigkeit FernUniversität Hagen, Universität Münster, Universität Hannover, Universität Hamburg, Universität Magdeburg, Humboldt-Universität zu Berlin, Universität Potsdam.Geb. 1961. Erstes Staatsexamen Lehramt Sek. II. Philosophie, Pädagogik an der Universität Hamburg (Zusatzfach Germanistik); Musik mit Hauptfach Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Hamburg (Zusatzfach Chanson). Dissertation an der Universität Hamburg zum Thema „Intensität und Widerstand. Deweys Art as Experience als philosophisches System, als politischer Appell und als Theorie der Kunst“. Habilitation an der Universität Magdeburg zum Thema „Kunst, Wahrheit und Gefühl. Die Gefühlsästhetik des angelsächsischen Idealismus“. Wissenschaftliche Lehrtätigkeit FernUniversität Hagen, Universität Münster, Universität Hannover, Universität Hamburg, Universität Magdeburg, Humboldt-Universität zu Berlin, Universität Potsdam.



Wichtige Publikationen (Auswahl):

Diverse Kurzartikel, Rezensionen und Aufsätze zur Ästhetik, zur Ethik, zur Didaktik der Philosophie, zum Pragmatismus, zum deutschen Idealismus und zum angelsächsischen Idealismus.

Intensität und Widerstand. John Deweys „Art as Experience“ als philosophisches System, als politischer Appell und als Theorie der Kunst. Reihe: Neuzeit und Gegenwart. Bonn 1994.

Die praktische Philosophie des Pragmatismus` als Methode für den LER- und Ethikunterricht, 2003.

Atheismus. In: Religionen und Weltanschauungen im schulischen Werteunterricht. Bd. 6. Hrsg. v. K.E. Grözinger, Ch. Lange im Auftrag des Brandenburgischen Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport und des LISUMs. Herbst 2004.

„Kunst, Wahrheit und Gefühl. Die Geschichte der Ästhetik des angelsächsischen Idealismus.“ Alber-Verlag Freiburg 2005.

Gott ohne Gestalt. Das 12. Buch der Aristotelischen Metaphysik. Veröffentlichung in Vorbereitung.

Phil und Sophie. Konzeption, Redaktion und Coproduktion einer zunächst einmal 12-teiligen Fernsehserie zum Thema Philosophie für Kinder für den Kinderkanal des Senders Arte im Auftrag des fernsehbüros in Berlin. Produktionsbeginn voraussichtlich Frühjahr 2005.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Genetische Disposition, Prävention und Schuld. In: Dimensionen der Person: Genom und Gehirn, 2005, im Erscheinen)

 

Herausgeberschaften:

„Hilary Putnam und die Tradition des Pragmatismus.“ Beiträge u.a. v. H. Putnam, R.A. Putnam, J. Habermas, K.O, Apel, J. Conant, R. Bernstein, G. Abel, H. Joas, R. Brandom. Hrsg. M.L. Raters, M. Willaschek. Frankfurt a.M. 2002.     

Im Schatten des Schönen. Hrsg. H. Klemme, M.L. Raters, M. Pauen Aisthesis.-Verlag 2005.

 

Email: mlraters@rz.uni-potsdam.de


Zum Vortrag

 

0. Ausgangspunkt:

0.1.  Im Kontext eines Plädoyers für aktive Sterbehilfe an schwerstbehinderten Neugeborenen behauptet Helga Kuhse in ihrem Aufsatz Warum Fragen der aktiven und passiven Euthanasie auch in Deutschland unvermeidlich sind von 1990, daß die Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem menschlichen Leben sinnvoll und moralisch zulässig sei.

0.2. Mein Vortrag bezweifelt das: Es gibt kein lebensunwertes menschliches Leben!

0.3. Weil Kuhses Position nur vor dem Hintergrund von Peter Singers präferenzutilitaristischem Plädoyer für ein Tötungsrecht an (behinderten und nichtbehinderten) Neugeborenen verständlich ist, hat der Vortrag vier Teile.  Nach zwei kurzen Fallskizzen geht es um die Positionen von Singer und Kuhse, bevor im letzten Teil ein eigener Zugriff auf die Problematik schwerstbehinderten Babys skizziert wird.

 

1. Zwei oder drei Fallskizzen  
In ihrem gemeinsamen Buch Should the Baby live von 1985 schildern Singer und Kuhse drei Fälle, nämlich den Fall von John Pearson (Down Syndrom; ansonsten gesund), den Fall von

„Baby Doe“ (Down-Syndrom mit eventuell operabler Mißbildung der Speiseröhre) und den Fall von Baby West (Down-Syndrom mit inoperabler Mißbildung der Speiseröhre).


2. Peter Singer

2.1. In Singers Practical Ethics (1979/ 1993) findet sich folgende Argumentation:

(i)  Die Gattungszugehörigkeit ist moralisch irrelevant.

(ii) Es gibt personales, bewußtes und nicht-bewußtes Leben.  
(iii) Lebensschutz kann ausschließlich das zu Präferenzen fähige personale Leben beanspruchen. Bewußtes Leben sollte gegebenenfalls schmerzfrei getötet werden. Unbewußtes Leben hat überhaupt keine Rechte.
(iv) Anenzephale Neugeborene sind unbewußtes Leben. Deshalb haben sie überhaupt keine Rechte.
(v) Neugeborene (ob behindert oder nicht) sind bewußtes Leben. Deshalb dürfen Neugeborene (ob behindert oder nicht) getötet werden, insofern das im Interesse von präferenzfähigen Personen (den Eltern) liegt, und insofern sie schmerzfrei getötet werden.

2.2. Grundsätzliche Kritik: Die Unterscheidung des Präferenzutilitarismus zwischen bewußtem und personalem Leben ist nicht überzeugend.

                  (i)  Bewußtsein ist nicht an Schmerzempfindung gekoppelt und umgekehrt.

                  (ii) Präferenzerfüllungen führen weder zuverlässig zu gutem Handeln noch zum Glück.

                  (iii) Singers Präferenz-Begriff ist ungeeignet, um Lebensrechte zu begründen bzw. abzusprechen

2.3. Einwand: Neugeborene sind potentiell präferenzfähige Lebewesen.

                  (i) Ein potentieller Thronanwärter hat durchaus spezielle Rechte (Prinz Charles-Argument).

                  (ii) Neugeborene haben mehr Präferenzerfüllung zu erwarten als Erwachsene.

2.4. Einwand: Auch behindertes Leben ist schützenswert.

                  (i)  Menschen mit Down-Syndrom haben durchaus Präferenzen.

                  (ii)  Daraus, daß man Gemüse essen darf, folgt nicht, daß man jedes unbewußte Leben

essen darf.

2.5. Einwand: Singers Kritik am „Prinzip der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ ist nicht überzeugend.

(i) Falls es Unrecht ist, Tiere zu töten, folgt daraus nicht das Recht auf das Unrecht, daß Menschen getötet werden (Obelix-Argument).

                  (ii) Das Prinzip der Heiligkeit des Lebens ist nicht nur deshalb ungültig, weil es jüdisch-christliche Wurzeln hat (Herodes-Argument).

 

3. Helga Kuhse
3.1. In ihrem Buch Das Prinzip der Heiligkeit des Lebens in der Medizin von 1987 kritisiert Helga Kuhse die konkreten Folgen der Anwendung des Prinzips der Heiligkeit des Leben (PHL) in der medizinischen Praxis.  
                  (i) Seine rigorose Anwendung (d.h. Lebenserhaltung in allen Fällen) nennt sie einen

„Medizinischen Fanatismus‘“.  
(ii) Seine einschränkte Anwendung (d.h. das passive Sterbenlassen von aussichtslosen Fällen) kritisiert sie als in sich widersprüchlich und verlogen. Zudem weist sie darauf hin, daß durch die Prozeduren des Sterbenlassens in vielen Fällen zusätzliches Leiden verursacht würde.

3.2. In dem Aufsatz Warum Fragen der aktiven und passiven Euthanasie auch in Deutschland unvermeidlich sind von 1990 plädiert Helga Kuhse dann für die aktive Sterbehilfe an „lebensunwerten“ schwerstgeschädigten Neugeborenen.                 
                  (i) Es gibt personale, bewußte und nicht bewußte bzw. nicht empfindungsfähige

Patienten .
(ii) Das Leben schwerstgeschädigter Neugeborene ist unwertes Leben, weil sie nichts empfinden.

(iii) In der medizinischen Praxis läßt man schwerstgeschädigte Neugeborne oft sterben.

(iv) Für ein Sterben-Lassen ist man moralisch ebenso verantwortlich wie für ein aktives Töten.

(v) Aktives Töten durch einen Arzt  ist als schnelles und schmerzfreies Töten dem qualvollen Sterbenlassen vorzuziehen.

-> Das Leben schwerstgeschädigter Neugeborene sollte aktiv beendet werden.

3.3. Logischer Einwand: Prämisse (ii) und Prämisse (v) widersprechen sich. (Wenn die Babys nichts empfinden, könne sie auch nicht leiden).

3.4. Es gibt kein lebensunwertes menschliches Leben, und zwar gleich, ob man unter einem „lebensunwerten“ Leben (i) verächtlich ein Leben ohne Wert versteht, oder ein Leben, das (ii) von übergroßem Leiden gekennzeichnet ist.          

                  zu (i)  Menschen (ob behindert oder nicht) dürfen nur verachtet werden, wenn sie sich (in einem

moralischen Sinne) verächtlich verhalten haben (Adolf-Eichmann-Argument).

zu (ii) Behindertes Leben kann sowohl glücklich als auch wertvoll sein (Hans-Georg-

Gadamer-Argument).


4. Der Fall des Baby West als moralisches Dilemma

4.1. Der Fall des Baby West sollte als reines aporetisches reales tragisches moralisches Dilemma betrachtet werden.                

(i) Rein: Es stehen zwei  dezidiert moralische Grundsätze zur Disposition  (Mitleid versus absolutes Tötungsverbot).

(ii) Aporetisch: Beide moralischen Grundsätze scheinen aus der Akteursperspektive „absolute“

Gültigkeit zu haben.

(iii) Real: Es besteht Handlungsdruck, so daß das Herauszögern der Entscheidung

ebenfalls eine Entscheidung wäre.

(iv) Tragisch: Die Folgen beider möglichen Entscheidungsoptionen sind extrem gravierend.
Fazit: Der Handelnde lädt in jedem Fall SCHULD auf sich.

4.2. Die Vorteile dieser Betrachtungsweise gegenüber der Scheidung in lebenswertes und lebensunwertes menschliches Leben von Singer und Kuhse.

(i) Automatismen sowie eine Pflicht zur Tötung werden verhindert, weil es in jedem Einzelfall um eine Gewissensentscheidung und um die Übernahme von schwerer Schuld geht.

(ii) Keinem menschlichen Lebewesen wird das Lebensrecht abgesprochen.

(iii) Auf die verächtliche Rede vom „lebensunwerten Leben“ wird verzichtet.

(iv) Die schwerstbehinderten Neugeborenen werden als das behandelt, was sie sind: als menschliche Lebewesen.        

(v) Menschen, die unter ihrer Behinderung nicht subjektiv leiden, werden per se geschützt (vgl. Baby Person).

4.3. Ein offenes Problem: Anenzephale (d.h. nicht leidende) Neugeborene wären mehr geschützt als leidende Neugeborene. Das scheint kontraintuitiv zu sein.