Prof. Dr. Dieter Thomä




Zur Person

Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen.

 geb. 1959 in Heidelberg. Volontariat an der Henri-Nannen-Journalistenschule, Redakteur beim Sender Freies Berlin. Studium der Philosophie in Berlin und Freiburg,

1989  Promotion. 1996 Preis für Essayistik beim Internationalen Joseph-Roth-Publizistikwettbewerb Klagenfurt, 1997 Habilitation. Seit Herbst 2000 ist er Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen. Seit Jahr 2002 für Buchbesprechungen zuständiger Mitherausgeber der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie", 2002/03 Senior Scholar am Getty Research Institute, Los Angeles, seit 2003 Mitherausgeber der "Reihe zur Einführung" des Junius Verlages. Derzeit Abteilungsvorstand der Kulturwissenschaftlichen Abteilung der Universität St. Gallen.

 Forschung – Projekte und Gebiete:

- Ethik, Sozialphilosophie

- Phänomenologie, Kulturphilosophie


Wichtige Publikationen (Auswahl):

Vom Glück in der Moderne. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003 (2. Aufl. 2004).

Unter Amerikanern. Eine Lebensart wird besichtigt. C.H. Beck, München 2000 (2. Aufl. 2001).

Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem. C.H. Beck, München 1998.

Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform. C. H. Beck, München 1992.

Die Zeit des Selbst und die Zeit danach. Zur Kritik der Textgeschichte Martin Heideggers 1910-1976. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1990.

 

Dieter.Thomae@unisg.ch



Zum Vortrag

 

1. In jüngster Zeit ist der Begriff „Humankapital“ Gegenstand einer heftigen Kontroverse geworden. Die einen haben ihn zum „Unwort des Jahres“ erklärt, die anderen verteidigen ihn als die Einführung eines ‚menschlichen’ Faktors in die Ökonomie. In diesem Vortrag gehe ich der Frage nach, wie tief unser modernes Selbstverständnis von der Vorstellung geprägt ist, dass die Menschen ein „Kapital“ verkörpern – und was von dieser Vorstellung zu halten ist.

 

2. In der Ökonomie und in der Sozialtheorie ist nicht erst in jüngster Zeit, sondern schon vom Beginn der Moderne an über den äußeren Wert des Menschen, also auch über das von ihm verkörperte Kapital nachgedacht worden. (Besonders aufschlussreich sind etwa die Überlegungen, die Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert anstellt.)

 

3. Auffällig ist, dass eine solche Bewertung sich nicht nur darauf beschränkt, den Wert eines Menschen etwa für eine Volkswirtschaft oder für ein Unternehmen festzustellen. In zwei Schritten geht die Theorie des Humankapitals darüber hinaus.

- Zum einen stösst man auf eine reflexive Wendung oder Individualisierung. Das heißt: Es soll nicht mehr nur darum gehen, den „Wert“ eines Menschen von anderen, die ihn nutzen wollen, feststellen zu lassen, sondern jeder einzelne soll um seinen eigenen „Wert“ besorgt sein. Damit soll das Humankapital individualisiert werden und zugleich der liberalen Selbstbestimmung offen stehen.

- Zum anderen stößt man auf eine Ausweitung der Rede von „Kapital“ oder eine Totalisierung. Das heißt: Es soll nicht mehr nur darum gehen, den „Wert“ eines Menschen im Wirtschaftsprozess zu definieren, sondern es geht um eine Betrachtung seiner gesamten Anlagen, die insgesamt als sein „Vermögen“ aufgefasst werden.

 

4. Es zeigt sich, dass die Theorie vom Humankapital tief in die Deutung des modernen Individuums hineingewandert ist; besonders deutlich wird dies außerhalb der Ökonomie an klassischen Konzeptionen menschlicher Bildung und Persönlichkeitsentfaltung. (Dies wird u.a. bei John Locke, Johann Gottlieb Herder und Ralph Waldo Emerson erkennbar.) So steht, wenn wir über das „Humankapital“ nachdenken, unser ganzes Selbstverständnis auf dem Spiel.

 

5. Eine Analyse und Kritik des „Humankapitals“ muss weit über die enge ökonomische Betrachtung hinausgehen. Hinzuweisen ist auf die Grenzen, die der Anwendung der Logik von Wert und Wertsteigerung, Kapital und Kapitalbildung auf das menschliche Leben gesetzt sind. Auf solche Grenzen stößt man beim Umgang mit der Vergangenheit, beim Zusammenspiel verschiedener Anlagen in einem Individuum und auch beim Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft.

 

6. Es scheint so, als gebe es einen natürlichen Gegner des „Humankapitals“ oder einer Feststellung des äußeren Werts des Menschens: Immanuel Kant. Er stellt dem „Preis“, den etwas hat, die „Würde“, die dem Menschen zukommt, entgegen. Doch wenn Kant der vereinnahmenden und relativierenden Wirkung des Marktes entgegentritt, so hat er doch etwas mit den ökonomischen Theorien gemeinsam: nämlich den Ausgangspunkt in einem Individuum, das ganz aus sozialen Kontexten herausgerissen ist, von sich aus einen ganz neuen „Anfang“ macht und auf diese Weise zu autonomen Bewertungen gelangen will. So fällt die Bewertung der kantischen Theorie der „Würde“ zwiespältig aus: Sie versucht, über individualistische Präferenzen und Werturteile hinauszukommen, aber sie schneidet sich ab von sozialen Erfahrungen, in denen wir mit den „Werten“, von denen wir uns im Leben leiten lassen, in Verbindung kommen.