Die Freiheit des Denkens


10. Philosophicum Lech
Lech am Arlberg, 14. bis 17. September 2006
 
Von Univ.Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann

Wie frei ist der Mensch? Was bedeutet Freiheit im Denken, im Handeln, in der Politik, in der Kunst? Gibt es überhaupt einen freien Willen oder sind unsere Denk- und Handlungsweisen vielfach determiniert? Im zehnten Jahr seines Bestehens widmet sich das Philosophicum Lech einer Grundfrage der Philosophie, die in den letzten Jahren eine brennende Aktualität gewonnen hat. So sehr spätestens seit der Aufklärung die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen, seine Freiheit im Denken und im Handeln behauptet wird, so wenig mangelt es an Versuchen, diese Freiheit auch immer wieder in Frage zu stellen. Milieutheorie, Psychoanalyse, Genetik und Hirnforschung sahen und sehen im Menschen ein von seiner sozialen Umgebung, seinen Trieben, seinen Genen oder seinen Hirnaktivitäten gesteuertes Wesen, und auch in der Politik ist immer wieder von Prozessen wie der Globalisierung die Rede, die anscheinend mit naturgesetzlicher Zwangsläufigkeit ablaufen und keine Handlungsalternativen mehr zulassen. Das Menschenbild der modernen Wissenschaften zeigt uns ein komplexes, aber letztlich von physikalischen und biochemischen Prozessen gesteuertes Wesen. Und trotzdem wird Freiheit als ein Ziel politischer und militärischer Interventionen, philosophischer Bemühungen und künstlerischer Aktivitäten formuliert, hören Menschen nicht auf, nach Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zu streben und die Freiheit des Denkens angesichts einer globalen Meinungsindustrie einzufordern. Handelt es sich dabei um legitime Freiheitskonzepte oder um Selbstmißverständnisse? Wie läßt sich Freiheit überhaupt erfahren? Und welche Konsequenzen haben unterschiedlich akzentuierte Freiheitsbegriffe für das Leben und Zusammenleben der Menschen, für das Rechtssystem, die Moral und die Kunst? Ob Freiheit ein notwendiges Konstrukt zum Selbstverständnis des Menschen oder eine aufklärungsbedürftige Illusion ist, in welcher Weise Freiheit denkbar und wo ihre Grenzen sind, wie und ob Freiheit und Verantwortung zusammenhängen  - über diese Fragen werden beim 10. Philosophicum Lech Philosophen und Naturwissenschaftler, Soziologen und Kulturtheoretiker vortragen und mit dem Publikum diskutieren.