11. Philosophicum Lech – Lech am Arlberg – 20.-23. September 2007

Die Gretchenfrage

„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“


"Nun sag’, wie hast du's mit der Religion?" Gretchens berühmte Frage an Faust zeigte in Goethes Tragödie scharf den Konflikt zwischen naiver Gottesgläubigkeit und einer aufgeklärten Haltung, die in der Religion kaum mehr sehen kann als eine unspezifische Stimmung. Für die moderne Welt schien diese Frage eigentlich schon erledigt zu sein, Religion war im 20. Jahrhundert zumindest in Europa kein Thema einer intensiven philosophischen oder gar politischen Auseinandersetzung mehr.

Was kaum noch jemand erwartet hätte, ist nun aber eingetreten: eine Wiederkehr der Religionen in den modernen, westlichen Gesellschaften, in den Zentren der Aufklärung. Die im 19. Jahrhundert weit verbreitete These, dass die Kritik der Religion den Irrationalismus und illusionären Charakter des Glaubens nachgewiesen habe und deshalb Religion in einer modernen Gesellschaft nicht mehr sein könne als ein privates Bekenntnis ohne öffentliche Bedeutung, hat sich als irrig oder zumindest vorschnell erwiesen. Die Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Glaube, nach der Vereinbarkeit von Wissenschaft und heiligen Schriften, nach den Möglichkeiten und Grenzen religiöser Lebensformen inmitten einer säkularen Gesellschaft bestimmen gegenwärtig den öffentlichen Diskurs. Das Verhältnis der Religionen untereinander - etwa Christentum und Islam - wird dabei ebenso zu einem Spannungsfeld wie die Stellung, die ein Gemeinwesen, das zwischen Kirche und Staat trennen will, zu den unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Religiösen einnehmen soll. Die Lippenbekenntnisse zu Toleranz und Dialog verblassen oft nur allzu schnell angesichts einer Realität, in der religiöse Gefühle und deren wirkliche oder angebliche Verletzbarkeit zu einem politischen Faktum ersten Ranges geworden sind.

Wie halten wir es nun aber wirklich mit der Religion und den Religionen? Welchen politischen, sozialen und moralischen Status können Religionen in einer Gesellschaft einnehmen, die sich nach wie vor den Konzepten der Aufklärung und der Wissenschaften verpflichtet fühlt? Ist die Trennung von Kirche und Staat vor dem Hintergrund einer Migrationsgesellschaft noch aufrechtzuerhalten oder deshalb überhaupt erst konsequent durchzusetzen? Was bedeuten religiöse Gefühle und welcher Stellenwert kann oder muss ihnen im öffentlichen Leben zugebilligt werden? Hat die Freiheit des Denkens (wieder) eine Grenze an religiösen Vorstellungen gefunden? Welche Rolle spielen die durch die Geschichte geprägten Konflikte zwischen den großen Religionen für das Zusammenleben in einer globalisierten Welt? Wie ist zwischen Religiosität, Dogmatismus, Fanatismus und Fundamentalismus zu unterscheiden? Was kann „Gott“ für Menschen der Moderne überhaupt noch bedeuten? Zu diesen und ähnlichen Fragen werden am 11. Philosophicum Lech „Die Gretchenfrage. Nun sag', wie hast du's mit der Religion?“ renommierte Philosophen, Religions- und Kulturwissenschaftler, Soziologen und Theologen vortragen und mit dem Publikum diskutieren.

 

Konrad Paul Liessmann

Wissenschaftlicher Leiter Philosophicum Lech