Univ. Prof. Dr. Christoph Deutschmann



Zur Person

Professor für Soziologie an der Universität Tübingen.

geb. 1946 in Stuttgart, 1967 bis 1975 Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre und Promotion an der Universität Frankfurt am Main. 1976 bis 1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. 1984 bis 1986 Forschungsstipendiat an der Tohoku-Universität in Sendai/Japan. 1986 bis 1989 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Forschungsleiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. 1987 Habilitation an der Universität Frankfurt am Main und seit 1989 Professor für Soziologie in Tübingen

Forschungsschwerpunkte
Arbeits- und Wirtschaftssoziologie


Wichtige Publikationen (Auswahl):

Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus, Frankfurt/M 1999, 2. Aufl. 2001

Postindustrielle Industriesoziologie, Weinheim 2002

Hg.: Die gesellschaftliche Macht des Geldes, Sonderheft 21 der Zeitschrift „Leviathan“, Wiesbaden 2002.

Kapitalistische Dynamik. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive (erscheint im Juli/August 2008 im VS-Verlag)



Zum Vortrag

Die These des Vortrags ist,  dass Geld in der heutigen Gesellschaft die Funktion einer Religion übernommen hat - einer Religion freilich, die nicht als solche in Erscheinung tritt, sondern sich hinter der Maske harmloser „Ökonomie“ verbirgt. Im ersten Schritt wird die gängige wirtschaftswissenschaftliche These der „Neutralität“ des Geldes kritisiert. Unter Rückgriff auf die klassische Analyse von Georg Simmel wird gezeigt, dass Geld – gerade das heutige, substantiell scheinbar wertlose Zentralbankgeld – einen inneren Wert höchster Potenz in sich birgt. Als „Vermögen“ verkörpert es die Utopie privater Verfügung über die Gesamtheit menschlicher Möglichkeiten. Im zweiten Schritt wird auf die von Karl Polanyi als „Great Transformation“ bezeichneten gesellschaftlichen Umwälzungen in Europa vor rund 200 Jahren eingegangen, die einen Markt für freie Lohnarbeit entstehen ließen. Die durch den modernen Kapitalismus hergestellte direkte Kontrolle des Geldes über das menschliche Arbeitsvermögen hat Geld in unerhörter Weise aufgewertet und es selbst in Geldvermögen bzw. Kapital verwandelt. Zugleich hat die Entwicklung der Potentiale gesellschaftlicher Arbeit durch den Kapitalismus die sich im 19. Jahrhundert entwickelnde Kritik der Religion erst möglich gemacht. Diese von Bauer, Feuerbach, Marx und Nietzsche  formulierte Kritik enthüllt den christlichen Schöpfergott als eine Projektionsfigur des Menschen als des „eigentlichen“, aber sich selbst noch nicht bewussten Schöpfers. Sie hat indessen, wie wir heute wissen, nicht jene emanzipierenden Wirkungen gehabt, die ihre Protagonisten sich versprochen haben. Die Folge war vielmehr die Konstruktion neuer philosophischer, politischer, soziologischer, biologischer Ersatzreligionen. Aber während die Entzauberung der meisten dieser Ersatzreligionen heute weitgehend abgeschlossen scheint, ist gerade die mächtigste Ersatzreligion, nämlich das in Kapital transformierte Geld, heute der Kritik noch immer weitgehend entzogen.



http://www.soziologie.uni-tuebingen.de/

christoph.deutschmann@uni-tuebingen.de