Mag. Dr. Stephan Schulmeister



Zur Person

Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitutes (WIFO)

geb.1947. Studium Rechtswissenschaften von 1965 bis 1970 in Wien, Studium Ökonömie von 1968 bis 1972 in Wien. Von 1972 bis 1974 Ökonomie (Gasthörer) am Institut für Höhere Studien in Wien, von 1975 bis 1976 am Bologna Center, Johns Hopkins University. Gastprofessur an der New York University 1983 und 1987 bis 1988 Forschung über die Anwendung der technischen Analyse auf den Devisen- und Aktienmärken am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Visiting Scholar). 1998 und 2005 Forschung über Handelssysteme auf Finanzmärkten an der University of New Hampshire, Whittemore School of Business and Administration (Visiting Scholar).

Seit 1972 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) im Bereich „Mittelfristige Prognose, längerfristige Wirtschaftsentwicklung, Finanzmärkte und internationaler Handel“. Durch seine zahlreiche Publikationen ist er seit einiger Zeit einer der bekanntesten Ökonomem Österreichs.

Arbeitsgebiete

Industrieökonomie, Innovation und internationaler Wettbewerb, Außenwirtschaft und internationale Wirtschaftsbeziehungen, Finanzmärkte und Unternehmensstrategien.


Wichtige Publikationen (Auswahl):

Wirtschaftspolitik und Finanzinstabilität als Ursachen der unterschiedlichen Wachstumsdynamik in den USA und Europa. In: Chaloupek, G., Hein, E., Truger, A. 8Hrsg,), Ende der Stagnation? Wirtschaftspolitische Perspektiven für mehr Wachstum und Beschäftigung in Europa, Wirtschaftswissenschaftliche Tagungen der AK Wien, Reihe Bd. 12, 2007.

Die manisch-depressiven Preisschwankungen auf den Finanzmärkten – wie macht das die "unsichtbare Hand"?WIFO Working Papers, 305, 2007.

Neoliberalismus, Finanzkapitalismus und die Krise des europäischen SozialmodellsIn: WISO, Wirtschafts- und sozialpolitische Zeitschrift des Instituts für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, 2007, 1, S. 73-110.

Finanzspekulation, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung. In: Intervention, 2007, 4(1), S. 73-97.

Das neoliberale Weltbild - wissenschaftliche Konstruktion von "Sachzwängen" zur Förderung und Legitimation sozialer Ungleichheit. In: Klug, F., Fellmann, I., (Hrsg.), Schwarzbuch und Globalisierung, Kommunale Forschung in Österreich, IKW-Schriftenreihe, lfd. Nr. 115, 2006.

Die Freiheit, Teller zu waschen. Presseartikel vom 7./8. Juli 2006

Weltwirtschaft wächst rascher – hohe Unsicherheit über Erdölpreis und Wechselkurse. Mittelfristige Prognose der Weltwirtschaft bis 2010. WIFO-Monatsberichte 5/2006, S. 359-373

Kleines Organon des Finanzkapitalismus. Dreiteilige Serie im „Standard“ vom 24., 26. und 27. Mai 2006

Die ‚ausgeblendeten’ Ursachen der deutschen Wirtschaftskrise. In: Chaloupek, G., Heise, A., Matzner, G., Roth, W., Sisyphus als Optimist: Versuche zu zeitgemäßer politischer Ökonomie, Weiter-Denk-mal in Memoriam Egon Matzner, VSA-Verlag, Hamburg, 2005.

Weiterhin kräftiges Wachstum in Asien, Russland und den USA – Deutschland und Japan bleiben Nachzügler. WIFO-Monatsberichte 1/2005, S. 35-47.

Der Finanzkapitalismus, die Wachstumskrise und das Europäische Modell. In Hein, E., Heise, A., Truger, A., (Hrsg.), Finanzpolitik in der Kontroverse, Metropolis-Verlag, Marburg 2004, 23-70

Erholung in den Industrieländern, kräftige Wachstumsbeschleunigung in den anderen Ländergruppen. WIFO-Monatsberichte, 2/2004, 99-107

Zehn Thesen zum Misstrauen in die Aktienmärkte. In: Wirtschaftspolitische Blätter, 50(1), 2003, S. 63-66

Aktienkursdynamik und Realkapitalbildung in den USA und Deutschland. WIFO-Studie mit Unterstützung des Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, 2003

Welche Faktoren, welche Interessen und welche politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen bewirken den aktuell zu beobachtenden Abbau des solidarischen Gemeinwesens? In Petrovic, M., Zaun, F., (Hrsg.), Zur Rolle des Staates, Czernin Verlag, Wien, 2003

 

Zum Vortrag

Geld als Mittel zum (Selbst)Zweck

Die wichtigste Eigenschaft von Geld: Es ist allgemeines Zahlungsmittel. In dieser Eigenschaft ist die Menge des Geldes nicht bestimmt: Nahezu jede Art von Finanzvermögen kann in Sekundenschnelle zu Geld gemacht und für Zahlungen verwendet werden, also auch Anleihen, Aktien oder sonstige Wertpapiere. Jeder Versuch, die Geldmenge zu bestimmen (M1, M2, M3….) oder zwecks Inflationsbekämpfung zu steuern (wie die EZB vorgibt) ist sinnlos.

Finanzvermögen kann auf zweierlei Weise als Geld verwendet werden:

Als Mittel zum Zweck der Finanzierung realwirtschaftlicher Transaktionen wie Investition, Produktion Handel oder Konsum (Abfolge: „Geld“ – Ware – „Geld“ – Ware….). Der Finanzsektor fungiert in diesem Fall als Vermittler zwischen Finanzkapital und Realkapital und fördert so die Vermehrung von beidem.

Als Mittel zum Selbstzweck der Vermehrung von Finanzkapital durch Spekulation und Finanzinvestition (Abfolge: „Geld“ – „Geld“ – „Geld“ – „Geld“…..). Der Finanzsektor fungiert in diesem Fall als Vermittler zwischen Finanzkapital und Finanzkapital und als sein „Vermehrer“.

Die Gesamtwirtschaft kann nur durch realwirtschaftliche Transaktionen reicher werden, Finanztransaktionen verteilen Vermögen lediglich um (insbesondere durch Spekulation mit Finanzderivaten - Nullsummenspiele) oder schaffen „fiktives Kapital“ (Marx) durch (temporäre) Höherbewertung (insbesondere durch Aktienbubbles – Bewertungsspiele).

In den vergangenen 30 Jahren wurde „Geld“ immer mehr als Mittel zum Selbstzweck verwendet: Typisch für dieses "Dagobert-Duck-Syndrom" ist die Losung „Lassen Sie ihr Geld arbeiten!“. Wie Geld „arbeitet“ wird an folgenden Beispielen detailliert gezeigt:

Spekulation mit Futures-Kontrakten auf Erdöl, Weizen, Mais und Reis sowie mit Aktien-Futures und Devisen und ihre Preiseffekte.

Die mehrjährigen Aufwertungen („bull markets“) und Abwertungen („bear markets“) von Aktien, Devisen und Erdöl seit 1970 (die „manisch-depressiven“ Schwankungen der wichtigsten Preise in der Weltwirtschaft).

„Geld als Mittel zum Selbstzweck“ ist das wichtigste Merkmal jener Ausprägung einer kapitalistischen Marktwirtschaft, die in den vergangenen 30 Jahren dominierte: der Finanzkapitalismus. Zu den für dieses „Regime“ typischen Rahmenbedingungen gehören auch die Dominanz der neoliberalen Weltanschauung in Wissenschaft, Medien und Politik, die dem entsprechende „Ent-Fesselung“ der Finanzmärkte und die Zurückdrängung des Sozialstaats zugunsten individueller Vorsorge (durch Finanzveranlagung).

Das „Pendent“ zum Finanzkapitalismus stellt der Realkapitalismus dar wie er etwa in der ersten Hälfte der Nachkriegszeit realisiert wurde, insbesondere in Europa: Geld war Mittel zum Zweck realwirtschaftlicher Transaktionen, das Gewinnstreben wurde also auf die Realwirtschaft gelenkt (durch niedrige Zinssätze und regulierte Finanzmärkte), die keynesianische Theorie legitimierte eine aktive Wirtschafts- und Sozialpolitik, das Leitbild „Soziale Marktwirtschaft“ versuchte, den Widerspruch zwischen dem Eigennutz der Menschen als Individuen und als soziale Wesen zu integrieren.

 

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stephan.schulmeister@wifo.ac.at