13. Philosophicum Lech

Vom Reiz des Schönen
Reiz, Begehren und Zerstörung


"Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören." - Dieser berühmte Satz aus Rainer Maria Rilkes erster Duineser Elegie umreißt mit wenigen Worten das Spannungsfeld des Schönen. Das Schöne: das ist das Reizvolle und das Bezaubernde, das Gefällige und das Attraktive, das in einem ästhetischen Sinn Gelungene und Gestaltete. Das Schöne: das ist aber auch das Liebens- und Begehrenswerte, das, wonach sich die Leidenschaften verzehren können, das Gesuchte und Ausgesuchte, das Riskante und Gefährliche. Das Schöne: das kann aber auch das Destruktive und Zerstörerische sein, das Übermächtige und das Chaotische, das Grauen und die Lust daran. "Wer die Schönheit angeschaut mit Augen", schrieb August Graf von Platen, "ist dem Tode schon anheimgegeben."

Das Schöne ist nicht nur ein Zentralbegriff der Philosophie und der Ästhetik, sondern auch und vor allem des Lebens. Das Schöne stand im Mittelpunkt von Platons Konzeption des Eros, es gehört gemeinsam mit der Wahrheit und dem Guten zu den Fundamenten des abendländischen Denkens, es dominierte über viele Jahrhunderte die Vorstellungen der Maler, Dichter und Musiker. Aus der Kunst der Moderne wurde das Schöne zwar verbannt, aber gegenwärtig feiert es eine ungeahnte Renaissance. Die Attraktivitätsforschung boomt, Schönheitsideale dominieren die Medien, die Werbung und den Film. Mode, Architektur, Landschaftsgestaltung und Fremdenverkehr kommen ohne die Versprechungen des Schönen ebenso wenig aus wie Sexualität und Erotik, die Schönheitsindustrie wächst, und der chirurgische Eingriff zur Verschönerung von Gesicht und Körper ist für viele Menschen mittlerweile zu einer Routine geworden. Warnende Stimmen aber sprechen vom Schönheitswahn unserer Zeit, der für viele, vor allem auch junge Menschen zum Verhängnis werden kann.

Aber auch die Wissenschaften wenden sich wieder dem Phänomen des Schönen zu, Biologie und Hirnforschung entdecken das Schöne, die Kulturwissenschaften analysieren das Schöne im Alltag und in der Popkultur, die Ästhetik besinnt sich auf ihren alten Zentralbegriff, und dass die moderne Medienwelt attraktive Menschen bevorzugt, wissen nicht nur Politiker. Der Zauber des Schönen scheint ungebrochen. Das 13. Philosophicum Lech wird sich diesem Zauber des Schönen widmen. Über die Reize und Verlockungen des Schönen, aber auch über seine Tücken und Gefahren werden renommierte Philosophen, Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaftler vortragen und mit dem Publikum diskutieren.


Univ. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann
Wissenschaftlicher Leiter Philosophicum Lech