Univ. Prof. Dr. Werner Bätzing




Zur Person

Geboren 1949 in Kassel und wuchs in einer Pfarrersfamilie im ländlichen Raum Nordhessens auf, zuerst im damals noch sehr traditionell geprägten Dorf Istha, ab 1956 in der Kleinstadt Fritzlar. Nach dem Abitur 1968 studierte er Evangelische Theologie und Philosophie an der Kirchlichen Hochschule Bethel bei Bielefeld und an den Universitäten Tübingen und Heidelberg, was er im Sommer 1974 mit dem Ersten Theologischen Examen in Heidelberg abschloss. Angeregt durch seinen Hochschullehrer, den Heidegger-Schüler Wilhelm Anz (Bethel), bildete die Auseinandersetzung mit Fragen der Naturphilosophie und Naturzerstörung bereits vor dem Einsetzen der Ökologiebewegung einen Schwerpunkt in seinem Studium, und parallel dazu entwickelte sich bei ihm allmählich ein Interesse für gesellschaftspolitische Fragen.

Nach dem Studium ging er 1974 nach Berlin und arbeitete dort ein Jahr lang als Religionslehrer an einem Gymnasium. Weil er sich aber mit dem Christentum nicht mehr identifizieren konnte, kündigte er und suchte sich eine Lehrstelle. Von 1976 bis 1978 absolvierte er eine Ausbildung („Lehre“) zum Sortimentsbuchhändler (Landkarten und Reiseführer als Spezialgebiet) und war anschließend bis 1981 in verschiedenen Berliner Buchhandlungen und Verlagen als Buchhändler und Buchhersteller tätig. Dabei besaß das Engagement in der Gewerkschaft „Handel, Banken, Versicherungen/HBV“ (heute: ver.di) einen wichtigen Stellenwert für ihn.

Mit dem Umzug nach Berlin im Jahr 1974 veränderten sich seine Urlaubsbedürfnisse: An die Stelle der Suche nach Distanz zu den mitteleuropäischen Selbstverständlichkeiten (deshalb zwischen 1969 und 1974 längere Reisen nach Israel, in die Türkei, auf den Balkan und im Mittelmeerraum) trat jetzt die Suche nach Distanz zur hektischen Großstadt Berlin. In dieser Situation wurde die Erinnerung an die Alpen – die er zwischen 1964 und 1967 in Gsteig/Berner Oberland kennen gelernt hatte – wieder wach. Deshalb fuhr er im Sommer 1976 von Berlin in die Alpen, ins Ötztal, was aber gar nicht seinen Erwartungen entsprach. 1977 war er dann das erste Mal in den südpiemontesischen Alpen, die ihn sofort so stark faszinierten, dass er 1978 eine Zeit der Arbeitslosigkeit nutzte, um drei Monate lang durch die gesamten Südwestalpen – von Menton an der Riviera bis nach Aosta – zu wandern.

Seit dieser Zeit wurden ihm die Alpen immer wichtiger: Zuerst standen sie im Mittelpunkt seiner Urlaubszeiten, 1981-1982 nahm er eine selbständige Tätigkeit für die „Nordhessische Fachwerkhausbörse“ in einem Architekturbüro im Kontext des Denkmalschutzes an, um mehr Zeit für die Alpen zu haben, und von 1983 bis 1987 studierte er Geographie an der Technischen Universität Berlin, um sein Alpeninteresse fachlich zu vertiefen und eine Berufstätigkeit im Alpenbereich vorzubereiten. In dieser Zeit erschien 1984 die erste Fassung seines Alpen-Buches, mit dem er überregional bekannt wurde.

1988 holte ihn Prof. Paul Messerli an das Geographische Institut der Universität Bern (Schweiz), wo er in kurzer Zeit promovierte (1989) und habilitierte (1993) und von wo aus er zahlreiche, teilweise viel beachtete öffentliche Beiträge zur Alpendiskussion leistete.

Im Jahr 1995 erhielt er einen Ruf an die Universität Erlangen-Nürnberg, wo er seitdem als Professor für Kulturgeographie tätig ist. Nach wie vor stehen die Alpen im Zentrum seines wissenschaftlichen, politischen und persönlichen Engagements, wobei besonders die Jahre 2005 und 2006 mit der italienischen und französischen Ausgabe seines Alpen-Buches und mehreren Preisen in Italien und der Schweiz eine große internationale Anerkennung brachte. Seit dem Wechsel nach Erlangen beschäftigt sich Werner Bätzing neben den Alpen auch mit den ländlichen Räumen in der Metropolregion Nürnberg und hier besonders mit dem neuen Phänomen der Regionalprodukte und ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aufwertung.


Wichtige Publikationen (Auswahl):
  • Bei den folgenden Publikationen ist – sofern nichts Anderes vermerkt – Werner Bätzing der alleinige Autor. Seine vollständige Publikationsliste umfasst derzeit etwa 350 Titel, darunter zahlreiche Besprechungen und kürzere journalistische Texte. Auf seiner Internetseite (www.geographie.uni-erlangen.de/wbaetzing/) steht eine gekürzte Fassung dieser Liste, die derzeit etwa 200 Titel umfasst und in deren Rahmen seit 1998 eine Reihe von Artikeln als Volltext (mittels download) ins Netz gestellt werden.

      1. Bücher und Monographien zum Thema „Alpen“ (ohne Wanderbücher)

      1. Sammelband zum 60. Geburtstag:

      Orte guten Lebens. Die Alpen jenseits von Übernutzung und Idyll, hrsg. von Evelyn Hanzig-Bätzing, Geleitwort von Reinhold Messner, Rotpunktverlag, Zürich 2009, 360 S.

      2. Alpenbildband:

      Bildatlas Alpen. Eine Kulturlandschaft im Porträt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, 192 S. mit 194 Farbfotos; Lizenzausgabe für Buchhandel: Primus-Verlag, Darmstadt 2005, 192 S.

      3.Alpen-Buch(3.Fassung):
      Die Alpen – Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft, Verlag C.H. Beck, München 2003, 431 S., 2., unveränderte Auflage 2005.

      Italienische Ausgabe: Le Alpi. Una regione unica al centro dell’Europa, herausgegeben und bearbeitet von Fabrizio Bartaletti, Bollati Boringhieri Editore, Turin 2005, 485 S. (= Nuova Cultura 107)

      Französische Ausgabe: Les Alpes. Un foyer de civilisation au coeur de l’Europe, übersetzt und bearbeitet von Henri Rougier, Editions Loisirs et Pédagogie, Le-Mont-sur-Lausanne 2005, 514 S.

      4. Alpen-Lexikon:

      Kleines Alpen-Lexikon. Umwelt – Wirtschaft – Kultur, Verlag C.H. Beck, München 1997, 320 S. (= Beck’sche Reihe 1205)

      2. Wanderbücher Alpen

      1. Werner Bätzing/Michael Kleider, Valle Stura – Rundwanderung durch ein einsames Tal der piemontesischen Alpen, Rotpunktverlag, Zürich 2008, 215 Seiten

      2. Werner Bätzing/Michael Kleider, Die Seealpen – Naturparkwanderungen zwischen Piemont und Cote-d’Azur, Rotpunktverlag 2006, 215 Seiten

      3. Werner Bätzing, Grande Traversata delle Alpi – der große Weitwanderweg durch die Alpen des Piemont, Teil 1: Der Norden, Teil 2: Der Süden, Rotpunktverlag, Zürich 2006, 5., aktualisierte Auflage, 224 und 304 Seiten

      3. Bücher und Monographien zu anderen Themen

      1. Evelyn Hanzig-Bätzing/Werner Bätzing: Entgrenzte Welten. Die Verdrängung des Menschen durch Globalisierung von Fortschritt und Freiheit. Rotpunktverlag, Zürich 2005, 488 S.

      darin von W. Bätzing:

      - Kap. 1: Grenzenlose Dynamik von Wirtschaft und Gesellschaft als Fortschritt? (S. 19-98)

      - Kap. 3: Die Reduzierung von Natur auf die Funktionen „Ressource“ und „Erlebnis“ (S. 163-198)

      - Kap. 4: Das Verschwinden des Raumes und die Auflösung von Stadt und Land (S. 199-237)

      4. Artikel zum Thema „Alpen“ (Auswahl)

      1. Die Schweiz und Österreich als „Alpenländer“ ? zum wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Stellenwert der Alpen in beiden Staaten. In: Geographische Rundschau 60/2008, Heft 3, S. 4-13

      2. Alpenlandschaften als Produkt bäuerlicher Arbeit. Die Fotos von Erika Hubatschek – mehr als die Dokumentation einer untergegangenen Welt. In: F. Merlin u.a. (Hrsg.): Bergwelt im Wandel – Festschrift für Erika Hubatschek zum 90. Geburtstag. Klagenfurt 2007, S. 11-19

      3. Gletscher im Treibhaus. Die Klimaerwärmung und ihre Folgen für die Alpen. In: Natur und Mensch – Jahresmitteilungen der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg 2006, Nürnberg 2007, S. 31-40

      4. Militärstrassen in den piemontesischen Alpen – bedrohte Verkehrswege zwischen Montblanc und Mittelmeer. In: Wege und Geschichte (Bern) Nr. 2/2006, S. 34-37

      5. Artikel Alpen in Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21., völlig neu bearbeitete Auflage, Leipzig 2005, Bd. 1, S. 580-600

      6. Der Stellenwert des Tourismus in den Alpen und seine Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraumes. In: K. Luger/F. Rest (Hrsg.): Der Alpentourismus. Innsbruck/Wien/Bozen 2002, S. 175-196

      7. Werner Bätzing (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung des alpinen Tourismus. Dargestellt am Beispiel des Gasteiner Tales in den Hohen Tauern. In: Tourismus Journal (Stuttgart) 5/2001, Heft 3, s. 301-331

      5. Artikel zum Thema „Mensch – Umwelt“ (im weiteren Sinn)

      1. Das Dorf als Ort guten Lebens zwischen Inszenierung und Verschwinden. Geographisch-humanökologisch-planerische Reflexionen zur Bedeutung des Dorfes in Vormoderne, Moderne und Postmoderne. In: Hans-Peter Ecker (Hrsg.): Orte des guten Lebens – Entwürfe humaner Lebensräume. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S. 103-114

      2. Postmoderne Ästhetisierung von Natur versus „schöne Landschaft“ als Ganzheitserfahrung – von der Kompensation der „Einheit der Natur“ zur Inszenierung von Natur als „Erlebnis“. In: Hegel-Jahrbuch 2000, 2. Teil (Akademie-Verlag), Berlin 2000, S. 196-201

      3. Natur als Kompensation? Die Umwelt(un)verträglichkeit der aktuellen Sport- und Tourismusformen vrn dem Hintergrund eines neuen gesellschaftlichen Umweltverhältnisses. In: Rolf Strojec (Hrsg.): Landschaft, Naturerlebnis und Umweltbildung im (Kanu)Sport – Ergebnisse einer Fachsitzung im Rahmen des Deutschen Umwelttages 1992. Natursport-Verlag, Rüsselsheim 1993, S. 11-28

      6. Artikel zum Thema „Ländlicher Raum“ (unabhängig von Alpen)

      1. Der Naturpark als zentraler Motor für regionale Entwicklung – hoffnungslose Überforderung oder sinnvolles Ziel? In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 55/2008, S. 1-14

      2. Der ländliche Raum – erneut benachteiligt für alle Zeiten? In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft (Erlangen) Bd. 53/54, 2007, S. 11-36 mit 6 Tabellen und 5 Karten

      3. Artikel „Bevölkerungsentwicklung 19./20. Jahrhundert“ (in Bayern). In: Historisches Lexikon Bayerns (Internet-Lexikon), hrsg. von der Bayerischen Staatsbibliothek (München). Freigegeben am 20.11.2006. 9 Seiten Text plus 5 Karten und 5 Tabellen: www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44452

      4. Die Bevölkerungsentwicklung in den Regierungsbezirken Ober-, Mittel- und Unterfrankens im Zeitraum 1840-1999. 2. Teil: Analyse auf der Ebene der Gemeinden. In: Jahrbuch für fränkische Landesforschung Bd. 63/2003, S. 171-224, mit 32 Tabellen und 5 Karten

      5. Die Bevölkerungsentwicklung in den Regierungsbezirken Ober-, Mittel- und Unterfrankens im Zeitraum 1840 bis 1999. 1. Teil: Analyse auf der Ebene der kreisfreien Städte und der Landkreise. In: Jahrbuch für fränkische Landesforschung Bd. 61/2001, S. 183-226 mit 4 Karten und 15 Tabellen

      6. Werner Bätzing/Ulrich Ermann: Was bleibt in der „Region“? Analyse der regionalen Wirtschaftskreisläufe landwirtschaftlicher Erzeugnisse am Beispiel des Landkreises Neumarkt in der Oberpfalz. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 45/2001, Heft 2, S. 117-133 mit 1 Karte, 1 Tabelle und 5 Abbildungen

      7. Die Fränkische Schweiz – eigenständiger Lebensraum oder Pendler- und Ausflugsregion? Überlegungen zur Frage einer „nachhaltigen“ Regionalentwicklung. In: Hans Becker (Hrsg.): Beiträge zur Landeskunde Oberfrankens. Festschrift zum 65. Geburtstag von Bezirkspräsidenten Edgar Sitzmann. Bamberg 2000, S. 127 -150 mit 2 Tabellen und 7 Karten (= Bamberger Geographische Schriften, Sonderfolge Nr. 6)

  • Zum Vortrag von Werner Bätzing

    Vom „Arkadien im Herzen Europas“ zur Sport-, Event- und Funregion.

    Die schönen Alpen zwischen Bewunderung und Langeweile

    Zentrale Aussagen in Thesenform (im Vortrag werden diese Thesen anhand von Bildern sehr konkret dargestellt)

    1. In der europäischen Kulturgeschichte besitzen die Alpen als Projektionsfläche für Naturbilder und für Naturschönheit eine herausgehobene Position. Deshalb macht es Sinn, die Frage nach dem „Zauber des Schönen“ exemplarisch an diesem Raum näher zu betrachten.

    2. In den vorindustriellen Agrargesellschaften sind die Alpen in ihrer Gesamtheit für ihre Bewohner weder schön noch hässlich; jedoch gelten besonders gut nutzbare Teilflächen als „schön“ und Felsen/Gletscher als „hässlich“ (Gebrauchswertästhetik). Anders dagegen die städtischen Hochkulturen außerhalb der Alpen: Für sie sind die Alpen insgesamt bedrohlich und schrecklich („montes horribiles“).

    3. Mit der Industriellen Revolution werden die Alpen von den städtischen Kulturen in Europa fundamental umgewertet: Aus den schrecklichen werden ab 1760-80 die schrecklich-schönen Alpen (Analoges läuft an den Meeresküsten ab).

    4. Grundprinzip der „schönen Alpenlandschaft“: Gegensatz zwischen behaglicher, gut nutzbarer Natur mit Bauernhaus, Bauern in Tracht, Kühen, Zäunen im Vordergrund und wilder, gefährlicher, bedrohlicher Natur (Felswände, Gletscher) im Hintergrund. Prinzip stammt nicht aus der Natur, sondern aus der Malerei und ist in den Alpen nur an wenigen ausgewählten Punkten zu finden.

    5. Damit werden die Alpen zur Idylle, zur Gegenwelt zu den (hässlichen) Industriegebieten verklärt = Kompensation der industriellen Naturzerstörung im Alltag durch ästhetische Naturbewunderung am Sonntag.

    6. Dieses Bild der Alpen setzt sich im 19. Jh. in allen gesellschaftlichen Schichten durch und wird die Grundlage des Alpentourismus. Dieses Alpenbild wird durch das Erlebnis Eisenbahn (ab 1854/1880) und Seilbahn (ab 1925) dynamisiert und modernisiert.

    7. Mit dem Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft oder Postmoderne (ab 1970) setzt ein fundamentaler Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft ein, der auch die Wahrnehmung der Alpen verändert: Bei den neuen „Aktivsportarten“ (zuerst Skifahren, ab 1985 auch Sommeraktivsportarten) stehen die eigenen Körpererlebnisse im Zentrum, und die „schöne Landschaft“ wird nur noch zur Kulisse.

    8. In der Postmoderne verblasst die Landschaftsästhetik und wird durch eine (ortlose) ästhetische Selbstinszenierung ersetzt – Natur und Landschaft allein werden langweilig.

    9. Die Alpen spielen nur gut 200 Jahre lang eine wichtige Rolle als schöne Landschaft (1760 – 1980) – ist diese Form der Ästhetik heute noch zeitgemäß ?

    10. These: Landschaftsästhetik hat heute nur noch Bedeutung, wenn sie nicht als „Totalphänomen“ und auch nicht als ein eigenständiger Bereich  auftritt, sondern wenn sie als ein Teil unserer Lebenswelt auftritt , der eng mit anderen Funktionen unserer Lebenswelt verbunden ist und der eine spezifische Qualität der Mensch-Umwelt-Beziehung zum Ausdruck bringt. Diese Ästhetik wendet sich gegen die in den Alpen so beliebten Inszenierungen und Mega-Events (Ästhetisierung der Form ohne Inhalt).

    W. Bätzing: Bildatlas Alpen. Eine Kulturlandschaft im Porträt. Darmstadt 2005, Kapitel 1

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