19. Philosophicum Lech
16. bis 20. September 2015

"Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren"

Alles wird besser. Auch der Mensch. Schon vor der Geburt beginnen die Optimierungsprogramme, die dafür sorgen sollen, dass später umfassend Kompetenzen angeeignet, Begabungen erkannt und Höchstleistungen erbracht werden können. Ei- und Samenzellen werden gezielt gewonnen, selektiert und zusammengeführt, der Körper wird von Kindesbeinen an trainiert und modelliert, richtige Ernährung, leistungssteigernde Nahrungsergänzungsmittel und eine langfristige Anti-Aging-Strategie sorgen für effiziente Nutzung der physischen Ressourcen, kleine Defizite und Verfallserscheinungen werden durch die ästhetische Chirurgie, größere durch künstliche Implantate und intelligente Prothesen korrigiert. Das Hirn wird umfassend gefördert, mit chemischen Substanzen gedopt, mit digitalen Informations- und Kommunikationsmedien kurzgeschlossen, die Seele wird durch Psychopharmaka von allen Irritationen befreit und durch permanente Kontrolle im Gleichgewicht gehalten. Am Ende solcher Optimierungsprozesse steht die Version eines perfekten, transhumanen Wesens, das reibungslos funktioniert und dem alles Menschliche fremd geworden ist.

Noch sind wir nicht soweit. Aber unser Bild vom Menschen hat sich grundlegend gewandelt. Was der Mensch ist, wissen wir in einem ontologischen oder anthropologischen Sinn heute weniger denn je. Begriffe wie Exzentrizität oder Mängelwesen haben ihre Plausibilität verloren, im Grunde lässt sich Menschsein nur als offenes Projekt beschreiben. Anstelle vermeintlicher anthropologischer Gewissheiten treten Modelle und Konzepte, die den Menschen immer wieder neu denken. Aktuell arbeiten wir am Entwurf des perfekten Menschen. Es geht um die Verbesserung und Veränderbarkeit des Menschen in einem neuen Sinn: Nicht durch Erziehung und Bildung, nicht durch Moral, Aufklärung und eine humanistische Kultur soll die Verbesserung des Menschengeschlechts erreicht werden, wohl aber durch Technik und Genetik. Dass man lieber von Optimierung und nicht mehr von Verbesserung spricht, dass Doping und Enhancement zu Schlüsselbegriffen unseres Selbstverständnisses geworden sind, indiziert diesen Wandel von einer moralischen zu einer technizistischen Deutung des Menschen.

Über diese, zum Teil  schon realisierten, zum Teil noch visionären Konzepte eines „neuen Menschen“ und ihre Fragwürdigkeit, über deren Geschichte  und die damit verbundenen Phantasien, Hoffnungen und Ängste werden beim 19. Philosophicum Lech Philosophen und Vertreter anderer Wissenschaften vortragen und ihre Thesen mit dem Publikum diskutieren

Konrad Paul Liessmann
Wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech

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