17. Philosophicum Lech

 

Ich.
Der Einzelne in seinen Netzen.
Lech am Arlberg, 25. bis 29. September 2013

Unsere Gegenwart ist von einem seltsamen Widerspruch gekennzeichnet: Auf der einen Seite konstatieren und beklagen wir einen zunehmenden Individualismus und Egoismus, der alle Bereiche unseres Lebens durchzieht: Familie, Beruf, Freizeit, Schule, Karriere, Sexualität: Das „Ich“ steht im Vordergrund, die „Ich-AG“ muss florieren, das „Selbst“ muss verwirklicht werden, der Wettbewerb und der Konkurrenzdruck, dem alle unterliegen, lässt kaum noch eine andere Wahl, als seine imaginären und wirklichen Ellbogen überall einzusetzen. Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit prägen den Alltag der Menschen in einer von Gier und Geiz getriebenen Welt, der Hedonismus und der Konsum triumphieren, die sozialen Sicherheitssysteme sind gefährdet, jeder muss an sich denken, bleibt letztlich auf sich allein gestellt.

Auf der anderen Seite kann man den Eindruck bekommen, dass die Individualität und damit die Besonderheit und Einzigartigkeit der Menschen verschwinden: Der Gruppendruck nimmt zu, Teamfähigkeit ist eine wichtige Kompetenz, wer nicht gut vernetzt ist, hat kaum Chancen, wer nicht im Social Web seine Kontakte, Freunde und Adepten gefunden hat, gilt zunehmend als Außenseiter und Verlierer, wenn nicht überhaupt als asozial, die Privatheit, die es dem Einzelnen erlauben sollte, ein Leben unbehelligt von den anderen für sich zu leben, wird aufgebrochen, das Intimste wird in der neuen Medienwelt zu einer öffentlichen Angelegenheit, jeder Einzelne damit zu einer durchsichtigen Figur, die Transparenz triumphiert und das „Ich“, so erklären uns die Hirnforscher, ist überhaupt eine Illusion.

Was also ist dieses Ich, wie erleben sich Menschen in dieser widersprüchlichen Welt, was bedeutet es, eine Identität zu beanspruchen oder zu suchen, wie gestalten sich Beziehungen zwischen Menschen in den virtuellen Netzen, was bedeutet es für das Selbstbewusstsein, die Kreativität, die Einzigartigkeit und die Lebensmöglichkeiten von Menschen, wenn die virtuellen Netze enger, die realen sozialen Netze aber immer durchlässiger werden? Der Widerspruch zwischen Ich und Gemeinschaft, zwischen dem Einzelnen und der Welt, in der dieser lebt, gewinnt unter den aktuellen Bedingungen neue Konturen, Schärfen und paradoxe Ausprägungen.

Diesen Entwicklungen, ihren Vorgeschichten und ihren Konsequenzen werden beim 17. Philosophicum Lech Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen und Naturwissenschaftler nachgehen und darüber mit dem Publikum diskutieren.

 

Konrad Paul Liessmann
Wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech

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