Tractatus-Preisträger 2015 - Ulrich Greiner

Den Tractatus, renommierter Essay-Preis des Philosophicum Lech, erhält heuer der bekannte Literaturkritiker und Journalist Ulrich Greiner, dessen brillante kulturkritisch-philosophische Studie „Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur“ exemplarisch ausgezeichnet wird.

Zu den Höhepunkten des Philosophicum Lech zählt die alljährliche Verleihung des Tractatus. Zwecks verstärkter Wahrnehmung sowie Würdigung von Wissenschaftsprosa und philosophischer Essayistik ins Leben gerufen, versteht sich der hochdotierte Buchpreis nicht zuletzt auch als Beitrag zur Standortbestimmung in philosophischen und gesellschaftlichen Diskursen. 2015 erhält den Tractatus der bekannte Literaturkritiker und ehemalige Feuilletonchef der ZEIT Ulrich Greiner für seine erhellende, höchst inspirierende Studie „Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur“.

„Prämiert werden herausragende deutschsprachige Publikationen, die philosophische Fragen im weiteren Sinne ambitioniert, doch allgemein verständlich diskutieren und unter anderem zentrale Themen der Zeit analysieren“, so Konrad Paul Liessmann, der wissenschaftliche Leiter des Philosophicum Lech, zu den Auswahlkriterien des Essaypreises. Die Intention und Signalwirkung des Tractatus – der dank privater Sponsoren mit 25.000 Euro zu den höchstdotierten Buchpreisen im deutschsprachigen Raum gehört – entsprechen ganz dem Charakter des Philosophicum im Allgemeinen. Nämlich einen wesentlichen Beitrag zu einer nicht nur fachspezifischen, niveauvollen Debatte von öffentlichem Interesse zu leisten.

Wenngleich das Buch des heurigen Preisträgers Ulrich Greiner den genannten Kriterien im besten Sinne entspricht, fiel der Tractatus-Jury auch dieses Jahr die Wahl nicht leicht. Die Shortlist 2015 bezeugt die thematische Vielfalt wie auch die Exzellenz von Publikationen auf philosophisch-kulturwissenschaftlichem Felde (www.philosophicum.com/tractatus/shortlist-2015.html) und versteht sich wie immer auch als Lektüreempfehlung der Jury. Zu deren Mitgliedern gehören neben dem Autor und Philosophen Franz Schuh nunmehr die Philosophin und Journalistin Barbara Bleisch sowie der Schriftsteller und ehemalige Verleger Michael Krüger, die heuer den Juroren Ursula Pia Jauch und Rüdiger Safranski nachfolgten.

Die Zuerkennung des Tractatus 2015 an Ulrich Greiner für sein Buch „Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur“ erfolgte nach eingehender Diskussion und schließlich einstimmiger Wahl der Jury. So gelang dem profunden Literaturkritiker und Journalisten eine überaus vielschichtige und erhellende, anschaulich und anregend geschriebene Studie über jenen Komplex von Gefühlen wie Schuld, Scham und Peinlichkeit, die wesentlich zum Menschsein gehören und laut dem Autor eine grundlegende Bedingung für Moral und Ästhetik sind. Greiner widmet sich der Thematik unter philosophischen wie auch unter soziologischen Gesichtspunkten und greift auf aktuelle Alltagsbeobachtungen ebenso wie auf Beispiele aus der Literatur zurück.

Dass insbesondere Letztere eindrücklich sind, unterstreicht die Kennerschaft des feinsinnigen Feuilletonisten, der die Literatur als „einzigartiges Archiv der Schamgeschichte“ begreift. Durch den vergleichenden Blick auf die Vergangenheit gewinnt Greiner einerseits die notwendige Distanz und wirft andererseits ein umso grelleres Licht auf die Gegenwart. Eine seiner Thesen: An die Stelle der alten Schuldkultur und der noch älteren Schamkultur ist eine neue Kultur getreten: die Kultur der Peinlichkeit. So wird die tiefgründige Analyse des Wandels von Gefühlswelten zugleich zu einer inspirierenden kulturkritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Dazu Barbara Bleisch in der Jury-BegründungIn einer Zeit von Selfies, Smelfies und Shelfies, von selbstgedrehten Youporn-Videos, missglückten Facebook-Profilen und quotentreibenden Castingshows trifft Ulrich Greiners Studie "Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur" den Nerv der Zeit. Doch Greiner hütet sich davor, die verschiedenen Phänomene der Selbstdarstellung als Ausdruck einer moralischen Verwahrlosung auf die übliche Kulturkritik einzudampfen, sondern er bleibt seiner subtilen Analyse der Phänomene treu und fügt sie zu einer elegant geschriebenen und philosophisch profunden Geschichte unserer Schamkultur – und damit auch zu einer Kulturgeschichte unseres Selbstverhältnisses.

Wenn Ulrich Greiner davon schreibt, dass sich ein neuer Puritanismus eingeschlichen habe, „der alles, was die Leistungsfähigkeit einschränken könnte, unter die Strafe der Peinlichkeit oder gar des schuldhaften Versagens stellt“, lässt dies perfekt eine Brücke zum Thema des heurigen Philosophicum schlagen. Unter dem Titel „Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren.“ wird sich das Symposium vom 16. bis 20. September 2015 in Lech am Arlberg aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen widmen, die auf ein neues Menschenbild hinauslaufen. Dessen weitreichende Implikationen werden, wie gewohnt interdisziplinär und auch für Laien verständlich, von renommierten Referenten unter Einbeziehung des Publikums diskutiert.

Die feierliche Verleihung des Tractatus erfolgt am 18. September um 21:00 Uhr in der Neuen Kirche Lech.

Weitere Informationen unter www.philosophicum.com.

Biografie von Ulrich Greiner

Geboren am 19. September 1945 in Offenbach; Abitur am humanistischen Heinrich-von Gagern-Gymnasium in Frankfurt am Main; Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Frankfurt am Main und Tübingen; Förderung durch das Cusanuswerk; Staatsexamen 1970. 1970 bis 1980 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 1974 im Literaturressort der FAZ. 1980 Wechsel zum Feuilleton der ZEIT, 1986 bis 1995 Feuilletonchef der ZEIT, danach Kulturreporter; von 1998 bis 2009 verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur in der ZEIT. Seitdem Autor der ZEIT. Seit 2011 Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Fellow am Center for European Studies der Harvard University in Cambridge (USA). Gastprofessor für Literaturkritik an den Universitäten Hamburg, Essen und Göttingen und an der Washington University in St. Louis (USA). Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Bibliographie von Ulrich Greiner

  • Über Wolfgang Koeppen<b> (Hrsg., 1976)</b>
  • Der Tod des Nachsommers – Aufsätze, Kritiken, Porträts zur österreichischen Gegenwartsliteratur<b> (1979)</b>
  • Der Stand der Dinge – Kulturkritische Glossen und Essays<b> (1987)</b>
  • Revision – Denker des 20. Jahrhunderts auf dem Prüfstand<b> (Hrsg. 1993)</b>
  • Meine Jahre mit Helmut Kohl<b> (Hrsg. 1994)</b>
  • Gelobtes Land – Amerikanische Schriftsteller über Amerika<b> (1997) </b>
  • Mitten im Leben - Literatur und Kritik<b> (2000)</b>
  • Ulrich Greiners Leseverführer – Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur<b> (2005)</b>
  • Ulrich Greiners Lyrikverführer – Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten <b>(2009)</b>
  • Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskultur <b>(2014) </b>
  • Das Leben und die Dinge – Alphabetischer Roman</b><b> (2015)<br /> <br /> </b>

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