Fake News, Verschwörungstheorien, Medienblasen, virtuelle Welten, digitale Fälschungen, Lügengebäude aller Art: Unsere Welt scheint durchdrungen vom Verdacht, dass ein Netz von Fiktionen, Illusionen und Täuschungsmanövern unser Denken und Handeln zunehmend bestimmt, und dass die Wirklichkeit immer schwerer zu fassen ist. Woher aber rührt diese Faszination der Fiktionen? Und ließe sich ein Leben ohne sie überhaupt denken? Benötigen Menschen nicht immer wieder Illusionen, Täuschungen und Selbsttäuschungen, Phantasievorstellungen und Utopien, um all das bewältigen zu können, mit dem wir konfrontiert sind?

Der Glaube, so heißt es schon in der Bibel, kann Berge versetzen, die Künste und die Literatur sind ohne die Kraft der Fiktionen nicht denkbar. Jedes Gemälde zeigt eine Welt, die nicht existiert, jede Erzählung erzählt eine Geschichte, die erfunden sein könnte. Aber selbst in den exakten Wissenschaften spielen Fiktionen, bildgebende Verfahren, kühne Annahmen und wilde Spekulationen eine bedeutende Rolle.

Nicht nur im Alltagsleben, auch in der Politik und der Wissenschaft tun wir sehr oft so „als ob“. Wir denken und verhalten uns so, „als ob“ es Wahrheiten und Werte, den Sinn des Lebens und die große Liebe, eine schöne Welt und eine strahlende Zukunft tatsächlich gäbe. Wir stehen deshalb mitunter sehr ungehalten allen Versuchen gegenüber, diese Illusionen zu entlarven, wie etwa die Rezeptionsgeschichte von Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud zeigt; aber auch Hans Vaihingers große „Philosophie des Als  Ob“, 1911 erschienen, ist nicht zuletzt aus diesem Grund verdrängt und vergessen worden.

Das 24. Philosophicum Lech wird sich dieser Kraft der Fiktionen widmen. Wie wirken Fiktionen in den unterschiedlichsten Bereichen unseres Lebens, von der Kunst bis zur Wissenschaft, von der Liebe bis zur Bildung, von der Moral bis zur Politik, wann und warum benötigen wir diese Fiktionen und wann werden sie gefährlich, wie viel Wahrheit verträgt der Mensch überhaupt und wie viele Täuschungen gehören zu einem guten Leben? Über diese und ähnliche Fragen werden Philosophen, Kultur-, Natur- und Sozialwissenschaftler referieren und mit dem Publikum diskutieren.

 

Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann
Wissenschaftlicher Leiter Philosophicum Lech