
2. Sommerausstellung von curious - creative space Lech
Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Als Immanuel Kant 1784 die Aufklärung auf diese Formel brachte, meinte er den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit: aus der Bequemlichkeit, andere für sich denken zu lassen. Gut 240 Jahre später hat diese Bequemlichkeit eine neue Gestalt – und ein neues Vokabular. Wir prompten: Wir formulieren Anweisungen, und die Maschine denkt, schreibt, entscheidet für uns. Doch die Richtung der Anweisung ist längst unscharf geworden. Jeder Klick, jede Bewegung, jedes Kamerabild, jeder gespeicherte Datenpunkt trainiert die Systeme, die uns umgeben – und die uns zunehmend sagen, was wir sehen, fühlen und denken sollen. HUMAN PROMPT kehrt das Vokabular der KI gegen sie selbst: Der Mensch ist nicht der Autor der Anweisung, er ist ihr Material. In Anlehnung an das Thema des 29. Philosophicum Lech – Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit – fragt die Ausstellung, was vom Denken bleibt, wenn Wahrnehmung, Urteil und Bewusstsein zur Datenspur geworden sind. Und sie fragt
weiter, mit Kant: Ist die Unmündigkeit von heute noch selbstverschuldet – oder haben wir Systeme gebaut, aus denen der Ausgang erst wieder gefunden werden muss?
Die Szenografie übersetzt diese Umkehrung in den Raum: Schwarze, beschriebene Wände machen ihn zum begehbaren Gedankenprotokoll, Spiegelelemente werfen die Besucher:innen auf sich selbst zurück – man betrachtet die Werke und wird zugleich zur
Eingabe.
Im Zentrum von Addie Wagenknechts Präsentation steht Asymmetric Love – ein Kronleuchter, gefertigt aus Überwachungskameras und Netzwerkkabeln. Das Objekt vereint zwei Ordnungen, die sich eigentlich ausschliessen: die repräsentative Geste des
Lüsters, Symbol von Glanz, Macht und Gastlichkeit, und die stille Allgegenwart der Kontrolle. Wer darunter steht, wird beleuchtet und beobachtet zugleich – eine Asymmetrie, die der Titel präzise benennt: Wir schenken den Systemen unsere Daten, unser Vertrauen, unsere Zuwendung; was zurückkommt, ist der registrierende Blick. Damit setzt die Pionierin des maschinellen Malens den Grundton der Ausstellung:
Überwachung tritt hier nicht als Bedrohungsszenario auf, sondern als verführerisch schönes Objekt – und ist gerade darin beunruhigend.
Constantin Vilsmeier führt diesen Faden in seiner Serie SURVEILLANCE weiter – einer künstlerischen Untersuchung der Verflechtungen von Überwachungstechnologien, Künstlicher Intelligenz und globalen Machtstrukturen, in die historische Schlüsselmomente von Drohnen- und Satellitenbildern bis zu den WikiLeaks- Enthüllungen eingeschrieben sind. Sphärische Motive stehen für die stetig wachsende Reichweite staatlicher und institutioneller Kontrollsysteme; feine Punktraster auf transparentem Plexiglas verweisen auf die unfassbaren Datenmengen, die ohne unser Einverständnis auf Servern lagern – jeder einzelne Punkt eine erfasste Datei, und die Betrachter:innen mittendrin. Durch die Schichtung mehrerer Plexiglasebenen entsteht ein Moiré-Effekt, der die Lichtarbeiten in scheinbare Bewegung versetzt: Mit jedem Schritt, jedem Perspektivwechsel verändert sich das Bild – eine Erinnerung daran, dass Überwachung kein Zustand ist, sondern ein fortlaufender Prozess, in dem wir unsere eigene Position immer neu bestimmen müssen.
Stark Alexander verlagert die Frage nach innen. Seine Arbeiten kreisen um das Bewusstwerden jener inneren Prozesse, die den systematischen Abläufen der KI verblüffend ähnlich sind: Auch unser Denken folgt Mustern, verarbeitet Eingaben, wird von äusseren Faktoren trainiert und gesteuert – oft, ohne dass wir es bemerken. Ausgehend von unterschiedlichen philosophischen Ansätzen des Denkens und der Beeinflussung übersetzt er diese Selbstbeobachtung in verschiedene mediale Formen: Der eigene Kopf erweist sich als Algorithmus, der befragt werden kann. In der Live-Performance Betreutes Fühlen führt er diese Erforschung konsequent weiter – als Spiritual Guide leitet er das Publikum durch eine Meditation zur Selbsterforschung des eigenen Algorithmus und macht die Ausstellung zum Erfahrungsraum.
Stefan Faas schliesslich gibt der Frage nach dem Denken eine skulpturale Gestalt – buchstäblich: Seine Köpfe aus hochpoliertem Edelstahl verbinden eine anthropomorphe, an der Antike geschulte Formensprache mit der Sterilität des industriellen Materials. Die spiegelnden Oberflächen ziehen die Betrachter:innen ins Werk hinein: Wer dem stählernen Kopf gegenübertritt, sieht das eigene Gesicht verzerrt zurückblicken – das Denkmal des Denkens wird zum Spiegel des eigenen Denkens. Zugleich versteht Faas den Stahl als gesellschaftliche Metapher: Härte und Steifheit stehen für erstarrte Strukturen und eingefahrene Sichtweisen, für die scheinbare Alternativlosigkeit einmal eingeschlagener Wege.
Denken, das wusste schon Kant, ist keine Ausstattung, sondern eine Anstrengung – ein Wagnis, das sich nicht delegieren lässt, ohne dass etwas verloren geht. HUMAN PROMPT ist deshalb kein Plädoyer gegen die Maschine; die Maschine denkt nicht, sie rechnet. Die Ausstellung ist eine Einladung, den Unterschied wieder zu spüren: sich aus dem Datensatz herauszulösen, die eigenen Muster zu befragen – und Autor:in der eigenen
Anweisungen zu werden. Der Ausgang aus der Unmündigkeit beginnt, damals wie heute, mit einem einzigen Entschluss: selbst zu denken.
Sonderführungen für Besucher:innen des Philosophicum Lech
Mittwoch, 23. bis Samstag, 27. September 2026
jeweils um 14.00, 15.00 und 19.00 Uhr
Treffpunkt
curious - creative space Lech, Erdgeschoss Lechwelten
Keine Anmeldung erforderlich, Dauer ca. 45 Minuten
Öffnungszeiten während des Philosophicum Lech
Mittwoch bis Samstag, 10.00 bis 13.00 Uhr, 14.00 bis 18.00 Uhr
Sonntag, 13.00 bis 18.00 Uhr (Dienstag Ruhetag)
Kontakt
curious - creative space Lech
Dorf 100, 6764 Lech am Arlberg
T +43 664 129 61 60
office@curiouslech.com
www.curiouslech.at
In Kooperation mit Studio Ponier & Galerie am Lindenplatz
Ausstellungsdauer: 29. August 2026 bis 5. Oktober 2026