
29. Philosophicum Lech
Betreutes Denken
Die neue Lust an der Unmündigkeit
Samstag, 26. September 2026 um 16.00 Uhr
Krisen allerorten. Verschwörungstheorien als Symptom
Statement zum Vortrag
Verschwörungstheorien werden in öffentlichen Diskurs oft pauschal als antidemokratisch, autoritär und antisemitisch begriffen und daher als eine der Wurzeln der gegenwärtigen Krise der westlichen liberalen Demokratie. Das ist nicht falsch, aber einseitig. Denn das Verhältnis von Konspirationismus und Demokratie ist deutlich komplexer. Zudem sollten wir Verschwörungstheorien weniger als Ursache und mehr als Symptom verstehen. So werden Menschen nicht misstrauisch, weil sie im Internet auf Verschwörungstheorien stoßen, sondern sie suchen gezielt nach diesen, weil sie bereits misstrauisch sind. Und obwohl Verschwörungstheorien im wörtlichen Sinn eigentlich nie wahr sind, speisen sie sich oft aus realen Nöten und Sorgen, die es anzuerkennen und anzugehen gilt.
Univ. Prof. Dr. Michael Butter
Referent
Zur Person
Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen und ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Er hat in Freiburg, Norwich und Yale Anglistik, Germanistik und Geschichte studiert, in Bonn promoviert und in Freiburg habilitiert. Zu seinen Veröffentlichungen zählen „Nichts ist, wie es scheint“: Über Verschwörungstheorien (Berlin: Suhrkamp, 2018), eine allgemeine Einführung ins Thema, die in mehrere Sprachen übersetzt wurde, sowie Die Alarmierten: Was Verschwörungstheorien anrichten (Berlin: Suhrkamp, 2025), in dem er sich kritisch mit Verschwörungstheorien seit der Pandemie, aber auch mit dem öffentlichen Diskurs über Verschwörungstheorien auseinandersetzt. Zwischen 2020 bis 2025 leitete er das vom Europäischen Forschungsrat gefördertes Projekt „PACT: Populism and Conspiracy Theory“ Er war zudem an einem europäischen Verbundprojekt beteiligt, das den Einfluss der Digitalisierung auf Verschwörungstheorien in verschiedenen europäischen Regionen untersucht hat. 2021 wurde er mit dem Tübinger Preis für Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet. Neben Verschwörungstheorien forscht er zur Poetik der zeitgenössischen Fernsehserie, dem amerikanischen Drama des 19. Jahrhunderts, der Literatur der Kolonialzeit und der Frühen Republik sowie der kulturellen Konstruktion von Heldentum. Sein nächstes größeres Buchprojekt wird sich jedoch der Literatur- und Kulturgeschichte des Tennis widmen.
Bibliografie (Auszug)
- (mit Clare Birchall et al.) Conspiracy Theories in the European Information Environment. London/New York: Routledge. Erscheint im Juli 2026.
- Populism and Conspiracy Theory. London/New York: Routledge. Erscheint im September 2026.
- Die Alarmierten: Was Verschwörungstheorien anrichten. Berlin: Suhrkamp, 2025.
- (hrsg. mit Katerina Hatzikidi et al.) Populism and Conspiracy Theory: Case Studies and Theoretical Perspectives. London/New York: Routledge, 2025.
- From Panem to Pandemic: An Introduction to Cultural Studies. Tübingen: Narr Francke Attempto, 2023.
- (hrsg. mit Peter Knight) Covid Conspiracy Theories in Global Perspective. London/New York: Routledge, 2023.
- (hrsg. mit Peter Knight) Handbook of Conspiracy Theories. London/New York: Routledge, 2020.
- »Nichts ist, wie es scheint«: Über Verschwörungstheorien. Berlin: Suhrkamp, 2018.
- Der »Washington-Code«: ZurHeroisierung amerikanischerPräsidenten, 1775-1865. Göttingen: Wallstein, 2016. Figurationen des Heroischen 3.
- Plots, Designs, and Schemes: American Conspiracy Theories from the Puritans to the Present. Berlin/Boston: de Gruyter, 2014.
- The Epitome of Evil: Hitler in American Fiction, 1939-2002. New York: Palgrave Macmillan, 2009.