Tractatus-Preisträgerin 2026

Prämiert mit dem Tractatus 2026 wird die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter für ihr Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“. Die feierliche Verleihung des mit 25.000 Euro dotierten Essaypreises des Philosophicum Lech erfolgt am Freitag, den 25. September 2026, um 21.00 Uhr in den Lechwelten in Lech am Arlberg.

Als Würdigung herausragender Publikationen auf dem immer wichtiger werdenden Feld geistiger Auseinandersetzungen und Standortbestimmungen wird alljährlich der Tractatus verliehen. Der Essaypreis des Philosophicum Lech ist dank privater Sponsoren mit 25.000 Euro hoch dotiert und gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen auf diesem Gebiet im deutschsprachigen Raum. Die Prämierung mit dem Tractatus gibt verlässlich Auskunft über höchste Qualität und Relevanz im Bereich der philosophisch-kulturwissenschaftlichen Essayistik. Preisträgerin des Tractatus 2026 ist die Philosophin Maria-Sibylla Lotter, deren Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ exemplarisch ausgezeichnet wird. „Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter (…) unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt“, so ein Auszug aus der Jurybegründung. Die feierliche Verleihung des Tractatus mit Laudatio und Dankesrede findet Freitag, den 25. September um 21 Uhr in den Lechwelten, dem Kultur- und Kongresshaus von Lech am Arlberg statt. Die öffentliche Veranstaltung bei freiem Eintritt ist nur einer der Glanzpunkte im Rahmenprogramm des 29. Philosophicum Lech. Unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ lädt die Tagung vom 22. bis 27. September 2026 zur thematisch breit gefächerten transdisziplinären Erörterung und Diskussion drängender Fragen zu aktuellen Entwicklungen. Siehe unter: www.philosophicum.com

Der Tractatus wurde 2009 auf Anregung des Schriftstellers Michael Köhlmeier, Mitbegründer des Philosophicum Lech, ins Leben gerufen und versteht sich als ein Beitrag zur Standortbestimmung in philosophisch und gesellschaftlich relevanten Diskursen. Durch die Auszeichnung soll der philosophischen Essayistik im Allgemeinen und dem prämierten Werk im Besonderen verstärkt Aufmerksamkeit verliehen sowie die erstrangige Leistung der Autorin bzw. des Autors gebührend gewürdigt werden. Von der gewichtigen Bedeutung als  profunde kritische Zeitdiagnose und der beachtlichen thematischen Bandbreite brillanter philosophischer Essayistik zeugt die Liste der bisherigen Preisträger:innen und ihrer Werke.

Bei der Auswahl von Publikationen für den Tractatus liegt das Augenmerk vornehmlich auf der Originalität des Denkansatzes, der Gelungenheit der sprachlichen Gestaltung und der Relevanz des Themas. Demgemäß erfolgen die Vorschläge der hochkarätig besetzten dreiköpfigen Jury. Diese setzt sich aus der österreichischen Literaturwissenschaftlerin, Kritikerin und Essayistin Daniela Strigl, der Schweizer Philosophin, Kulturjournalistin und Publizistin Catherine Newmark sowie dem deutschen Literaturkritiker und Autor Ijoma Mangold zusammen. Jeweils im Juli wird nach eingehender Diskussion unter dem Vorsitz von Konrad Paul Liessmann eine Vorauswahl getroffen. Der langjährige wissenschaftliche Leiter und nun gemeinsam mit der Schweizer Philosophin und Journalistin Barbara Bleisch Co-Intendant des Philosophicum Lech ist dabei nicht stimmberechtigt. Auch heuer wieder belegen die sechs für die Tractatus-Shortlist nominierten Werke die hohe Aktualität sowie Brisanz exzellenter kulturwissenschaftlich-philosophischer Essayistik und werden zur Lektüre empfohlen: www.philosophicum.com/tractatus/shortlist/shortlist-2026

Aus der Liste der ausgewählten Publikationen entschied sich die Jury nach eingehender Diskussion für das Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ der deutschen Philosophin Maria Sibylla Lotter, die somit Tractatus-Preisträgerin 2026 ist. Ihr im März im Hanser Verlag publiziertes Werk fand starke mediale Resonanz, wobei die Autorin u. a. für ihren betont ausgewogenen Blick auf eine aufgeregte Debatte gelobt wird. Mit ihrer scharfsinnigen Analyse historischer Hintergründe und ambivalenter Auswirkungen der Aufwertung des Opfers in der heutigen Gesellschaft und Debattenkultur geht Lotter dem Phänomen in seiner Vielschichtigkeit auf den Grund. Dazu die Jurybegründung: Wenn der aktuelle Diskurs durch eine moralische Aufwertung des Opfers und seiner dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage nach den Folgen für das soziale Miteinander. In ihrem Essay nähert sich Maria-Sibylla Lotter diesem brisanten Problem mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement auf drei Ebenen: Da ist die Autorität des Opfers, die es nahezu sakrosankt macht; da ist die insbesondere durch die sozialen Medien dynamisierte Logik der Empörung, die grundsätzlich von einer Schuldvermutung ausgeht; und da ist vor allem die „Therapiemoral“, die sich aus einer zunehmenden Pathologisierung psychischer Zustandsbilder ableitet. Der Opferbegriff, dem jeder Aspekt der Selbstbestimmung, des Sich-Opferns, abhandengekommen ist, tendiert dazu, unter rassistischer oder sexueller Diskriminierung Leidende in ihrem Selbstbild der Inferiorität zu fixieren.

Die kritische Bestandsaufnahme von Maria-Sibylla Lotter zeichnet sich insbesondere durch den spezifischen diskursanalytischen Ansatz aus, wie die Jurybegründung des Weiteren hervorhebt: Mithilfe anschaulicher Beispiele aus dem öffentlichen Leben wie aus ihrer privaten Erfahrung zeigt die Autorin, wie die gut gemeinte Erweiterung von Begriffen wie „Trauma“ oder „Gewalt“ zu einer Verengung der Debatte, aber auch des Handlungsspielraums führt, der einer Person oder Gruppe zugetraut und zugebilligt wird. Lotter beschreibt das Einsickern radikaler akademischer Ideologiekritik in den gesellschaftlichen Mainstream, die erbitterte Rivalität von Opfergruppen und die Lähmung demokratischer Streitkultur. Der emanzipatorische Impuls der Veränderung, so ihre Diagnose, ist in den letzten Jahrzehnten von den realen Verhältnissen in die Sprache gewandert. Dass sie folgerichtig Diskursgeschichte als Begriffsgeschichte ins Visier nimmt, ist das größte Verdienst ihres glasklar formulierten Buches. Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter mit dem einschlägigen Vokabular auch unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt.

Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich und lehrt seit 2014 als Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Daneben schreibt sie regelmäßig für die NZZ und Die Zeit. Auch ihre beiden Bücher „Schuld und Respekt. Über die Praxis der Vergeltung und Versöhnung“ (Suhrkamp, 2024) sowie „Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral“ (Suhrkamp, 2012) fanden nicht nur in Fachkreisen große Anerkennung und reges Leserinteresse.

Zur feierlichen Verleihung des Tractatus 2026 wird am Freitag, den 25. September 2026 um 21:00 Uhr in die Lechwelten geladen. Der Festakt mit Laudatio von Jurymitglied Daniela Strigl und Dankesrede der Preisträgerin Maria-Sibylla Lotter wird musikalisch vom Trio Tractatus umrahmt, das eigens für diesen Anlass geschaffene Tonstücke des Vorarlberger Komponisten Marcus Nigsch zum Besten geben wird. Als alljährliches Highlight krönt die Veranstaltung das Rahmenprogramm des 29. Philosophicum Lech, das heuer unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ steht. Vom 22. bis 27. September werden namhafte Vortragende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum die hochaktuelle Thematik unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten erörtern und mit dem Publikum diskutieren. Den Auftakt als kritische Gegenwartsanalyse unabhängig vom Jahresthema geben am Dienstag, den 22.09.2026 die„Philosophicum Dialoge“.

Weitere Informationen unter www.philosophicum.com.


Zur Person von Maria-Sibylla Lotter mit ausgewählten Publikationen  

Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie in Freiburg, Berlin und St. Louis/Missouri. 1994 promovierte sie an der TU Berlin, wo sie seit 1989 als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Ab 1994 lehrte Lotter in Berlin, Heidelberg sowie an weiteren Universitäten in Deutschland und der Schweiz. 2010 habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich mit der Arbeit „Diesseits von Freiheit und Autonomie. Philosophische Untersuchungen zu den Grundlagen und kulturellen Kontexten von Verantwortung und Personalität“, deren überarbeitete Version 2012 im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde (s. u.). Seit 2024 ist sie Professorin für Ethik und Ästhetik am Institut für Philosophie I der Ruhr-Universität Bochum. Ihre Arbeitsgebiete sind die Praktische Philosophie, Ethik des Alltagslebens, Geschichte der Philosophie, Sozialphilosophie und Kulturanthropologie sowie Philosophie und Kunst. Zu ihren derzeitigen Forschungsschwerpunkten zählen Meinungsverschiedenheiten und Streitkultur sowie Schuld und Verantwortung. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit schreibt Maria-Sibylla Lotter regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung und Die Zeit. Sie lebt in Freiburg.
 

Buchpublikationen:

2012: Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral, Suhrkamp Verlag, Berlin, 4. Aufl. 2022
2024: Schuld und Respekt. Über die Praxis von Vergeltung und Versöhnung, Suhrkamp Verlag, Berlin

Maria-Sibylla Lotter:Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild
Hanser Verlag, 2026
Hardcover, 288 Seiten
ISBN 978-3-446-28227-8
D: 25,00 € | A: 25,70 € | CH: ab 30,00 Fr.

E-Book
ISBN 978-3-446-28791-4
Deutschland und Österreich: 17,99 € | CH: ab 17,90 Fr.

Presse und Kommunikation

si!kommunikation
Lisa-Maria Innerhofer
Julia Berchtold
Christina Nigsch

T +43 650 472 472 1
T +43 660 157 50 01
T +43 699 192 579 15
info@si-kommunikation.com
www.si-kommunikation.com